Kritik zu Eden

© Alamode

In ihrem vierten Film erzählt Mia Hansen-Løve die Geschichte einer Gruppe von Freunden vor dem Hintergrund des Booms französischer House-Musik in den 90er Jahren

Bewertung: 4
Leserbewertung
3.5
3.5 (Stimmen: 2)

Zwischen Euphorie und Melancholie beschreibt Paul (Debütant Félix de Givry) einmal den Sound, der ihm und seinem Partner Quentin mit ihrem gemeinsamen Projekt »Cheers« vorschwebt. Eine Mischung aus Soul und Maschinenmusik, befeuert von einem treibenden Rhythmus, dessen Geradlinigkeit eine psychedelische Wirkung entfaltet. Von einer ähnlichen Stimmung lebt auch Mia Hansen-Løves vierter Film Eden, der von den Anfängen der französischen House-Music-Szene in den 90er Jahren erzählt.

Man müsste das eigentlich noch genauer formulieren, denn Hansen-Løve schafft mit Eden etwas Außergewöhnliches: Sie zeichnet diese Stimmung und ihre rauschhaften Wirkungen in einer elliptischen Erzählweise nach, die das Gefühl der Musik, die selbstvergessen um eine melancholische Leere zu kreisen scheint, immer wieder von der Klang- hin zur Bildebene verschiebt. Filme über Clubmusik sind meist peinlich, weil ihnen etwas Entscheidendes fehlt: ein Gefühl für eine Epoche, aber auch ein Zeitgefühl, das sich im kurzen, intensiven Moment der Euphorie in die Ewigkeit erstreckt. Mia Hansen-Løve hat die 90er Jahre, als Künstler wie Laurent Garnier, Cassius und vor allem natürlich Daft Punk den kurzlebigen Boom des French House auslösten, auf den Warehouse-Partys in den Pariser Vorstädten verbracht. Ihr Bruder Sven legte damals auf diesen Partys auf. Eden ist dabei kein nostalgischer Szenefilm geworden, denn außer einer bis zum letzten Plattencover kenntnisreichen Anthologie des French House, mit einem Soundtrack, der für Aficionados keine Wünsche offenlässt, beschreibt Hansen-Løve auch ein Lebensmodell, das bei aller Leidenschaft für die Musik in ähnlicher Weise um eine emotionale Leerstelle kreist. Es wäre einfach gewesen, ihre Erinnerungen an die Partys, die Drogen und das Freiheitsgefühl der zweiten Rave-Generation entlang der Geschichte von Daft Punk zu erzählen. Aber Guy-Manuel de Homem-Christo und Thomas Bangalter, die anonymen Köpfe des Erfolgsduos, tauchen im Film nur am Rande auf. Sie sind auf denselben Partys wie Paul und Quentin und werden (ein Running Gag!) regelmäßig von den Türstehern der angesagtesten Clubs abgewiesen.

Stattdessen interessiert sich Hansen-Løve für diejenigen, die im Zentrum des Hypes stehen, ohne aus seinem Schatten herauszutreten. Paul und Quentin produzieren gemeinsam Stücke und organisieren Underground-Partys, aber wie der betörende Rhythmus der Musik verläuft ihr Leben im Wechselspiel aus Leidenschaft und Erschöpfung letztlich in Monotonie. Mit der Zeit fordert der Lebenswandel seinen Tribut: Der depressive Cyril nimmt sich das Leben, Pauls Freudinnen (u. a. Greta Gerwig und Golshifteh Farahani) kommen und gehen, die Schecks, die Pauls Mutter (Arsinée Khanjian) ihrem Sohn ausstellen muss, werden größer. Hansen-Løve bringt viel Sympathie für diesen Lebensentwurf auf. Aber Pauls Scheitern wird selbst nur zu einem Fragment der Erzählung. So wie die Loops der Musik sich zu einem Hochgefühl aufschrauben, findet auch Eden im hedonistischen Leerlauf berührende Momente.

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