Kritik zu Die Wunde

© Salzgeber

In seinem Spielfilmdebüt kontrastiert John Trengove Südafrikas Traditionen mit dem Hier und Heute am Beispiel eines Trios von schwulen Männern, die an einem Beschneidungsritual teilnehmen

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Es sind Bilder aus einer anderen Welt: Junge Männer in weißen Gewändern sitzen im Kreis unter freiem Himmel. »Beine auseinander«, brüllt der »Vollstrecker « jedem Einzelnen ins Gesicht, bevor eine der Rasierklingen aus seinem Koffer sich den schmerzhaften Weg durch das Fleisch bahnt. »Sag: Ich bin ein Mann«, brüllt er. »Ich bin ein Mann«, antwortet der Beschnittene, ohne eine Miene zu verziehen. Die archaische Beschneidung bildet den Auftakt des Ukwaluka, eines traditionellen Initiationsritus der Xhosa in Südafrika, vor dessen Hintergrund Regisseur John Trengove in seinem Spielfilmdebüt »Die Wunde« von einer homosexuellen Liebe erzählt. Ein in mehrfacher Hinsicht heikles Unterfangen, da es den Xhosa-Männern strengstens verboten ist, über ihre Beschneidungserfahrungen zu sprechen, und Homosexualität in der südafrikanischen Gesellschaft nach wie vor tabuisiert wird.

Die Geschichte eines lauten Aufbegehrens, könnte man meinen. Trengove allerdings hat aus seinem Stoff einen fast schon leisen, aber nicht minder eindringlichen Film gemacht. Mit gefährlicher Ruhe folgt die Kamera von Paul Özgür dem zurückhaltenden Xolani, der wie jedes Jahr in ein Camp in die Berge reist, um das Ukwaluka als Mentor zu unterstützen. Er soll sich um den Städter Kwanda kümmern, der dem Ritual auf Druck seines Vaters beiwohnt. Nach der Beschneidung verbringen die Männer mehrere Tage in provisorischen Strohhütten, wo die Mentoren die Wunden ihrer Schützlinge pflegen. Während der wütende und ebenfalls homosexuelle Kwanda sein erzwungenes Coming-of-Age in der Natur hinnimmt, trifft sich Xolani heimlich mit seinem verheirateten Kumpel Vija zu sexuellen Abenteuern.

Auf dem vor Testosteron brodelnden Berg wird konkret, was die ersten Sekunden des Films mit der Montage eines rauschenden Wasserfalls und Xolanis krachendem Gabelstapler andeuten: In dem Camp treffen Ursprünglichkeit und Moderne aufeinander. Auf der einen Seite die auf dem Land lebenden Traditionalisten, die ihre Riten und ihr heteronormes Patriarchat verteidigen, zur Not auch mit Gewalt, auf der anderen das homosexuelle Trio, das so gar nicht in das System passt, sich aber, der eine mehr, der andere weniger, fügt. Trotz gelegentlicher Überzeichnung dieser Kluft führt Trengove uns eindrucksvoll und schonungslos vor Augen, dass es für historisch gewachsene Ungerechtigkeiten dieser Art keine einfachen Lösungen geben kann.

»Die Wunde« erzählt damit auch nicht von einer (sexuellen) Emanzipation, sondern ist vielmehr Bestandsaufnahme komplexer gesellschaftlicher Probleme, die, wie die Wunden im Fleisch der Initiierten, nicht mit einfachen Pflastern geheilt werden können. Trengove, selbst weiß und in privilegierten Verhältnissen in Johannesburg lebend, entpuppt sich als empathischer und feinfühliger Filmemacher, der sich seinem Sujet ohne Larmoyanz und mit Respekt nähert. Sein Debüt ist ein wichtiger Film, dem man nur wünschen kann, dass er einen öffentlichen Diskurs in Südafrika und darüber hinaus fördert. Die Kraft dazu hat er.

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