Kritik zu Die Vermissten

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Auf der Suche nach der Stadt der verlorenen Kinder: In seinem Debütfilm schickt Jan Speckenbach einen Vater auf die Spur seiner vermissten Tochter, die erseit sieben Jahren nicht gesehen hat

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Irgendwann werden einem Kinder fremd. Sie entwickeln ihren eigenen Willen, sie bauen sich ihre eigene Welt, verabreden sich, mit wem sie wollen, und spätestens zu Pubertätszeiten stehen die Eltern vor dem Scherbenhaufen, dass sie eigentlich gar nicht mehr wissen, was ihre Kinder eigentlich so tun. Und im Zeitalter der digitalen Kommunikation kann alles noch hermetischer werden. Dieses Gefühl der Fremdheit zieht sich durch jeden Generationenkonflikt der neueren Geschichte. Es ist das Thema von Die Vermissten.

Zuerst wiegt der Film einen in Sicherheit. Alles scheint in den geordneten Konflikten eines gut inszenierten Fernsehspiels abzulaufen. Lothar ist Sicherheitsspezialist für Kernkraftwerke, er lebt ein irgendwie alltägliches Leben, besucht seinen alten Vater, holt seine Freundin vom Flughafen ab. Lothar wird von André Hennicke gespielt, großartig konzentriert und sehr zurückgenommen, keiner der vielen Abgedrehten, die dieser Schauspieler schon verkörpert hat. Von seiner Exfrau erfährt Lothar, dass Martha, seine Tochter aus erster Ehe, verschwunden ist. Irgendwie weckt das erneut den Vater in ihm, und er macht sich auf die Suche nach ihr. Das kommt einem irgendwie bekannt vor, aber alles wird anders. Lothars Tochter ist nicht das einzige verschwundene Kind, es scheint einen wahren Exodus zu geben. Und ein Symbol dafür: eine Ratte mit Flügeln. Natürlich ist das eine Anspielung auf das Märchen vom Rattenfänger von Hameln – nur dass es diesmal keinen Fänger gibt, aber einen Plan, der sich weder Lothar noch uns erschließt. Einmal fragt Lothar einen der Teenager, die sich übers Internet zusammenschließen, was denn die Ratte bedeute. »Nichts«, bekommt er zur Antwort. Wie überhaupt diese Kinder völlig apathisch wirken, als wollten sie sich allem verweigern, das mit den Erwachsenen zu tun hat.

Lothar begibt sich auf eine Odyssee durch die norddeutsche Provinz. Vor allem ist Die Vermissten ein Film über Orte, die so alltäglich und banal sind, dass sie einem völlig fremd vorkommen. Straßen mit gesichtslosen Häusern aus den sechziger Jahren, von Menschenhand geschaffene Einöden. Wir wissen: Auch das hat mit den Kindern zu tun, aber was genau, das enthüllt Die Vermissten nie. Einmal begegnet Lothar auf seiner Suche drei Kindern, die bei ihm im Auto Unterschlupf suchen. Sie reden zwar, aber es ist doch irgendwie eine Sequenz der Nichtkommunikation. Um das Energieproblem zu lösen, könnte man ja alle über 60 töten, sagt ein Junge.

Es gibt an den Rändern des deutschen Films immer wieder Filme, die auf intelligente Art mit Elementen des Genrekinos spielen, ohne sich ihm auszuliefern. An seinem Ende wirkt Die Vermissten fast wie ein Endzeitfilm, mit leeren Schulen und Bürgerwehren. Die Vermissten folgt einer Dramaturgie der Irritationen, die im Verlaufe des Films immer manifester werden. Das macht Die Vermissten zu einem der verstörendsten deutschen Filme der letzten Jahre.

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