Kritik zu Die schönen Tage

© Wild Bunch

2013
Original-Titel: 
Les Beaux Jours
Filmstart in Deutschland: 
19.09.2013
L: 
94 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Obwohl sie glücklich verheiratet ist, lässt sich eine pensionierte Zahnärztin mit einem sehr viel jüngeren Mann ein. Marion Vernoux‘ melodramatische Komödie ist ein Meisterwerk der Ungezwungenheit

Bewertung: 4
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In Frankreich nennt man die Verliebtheit gern einen coup de foudre: Sie ereilt die Betroffenen wie ein Blitzschlag. Die besseren Liebesfilme wissen, dass dieser nicht aus heiterem Himmel kommt. Vielmehr ist er günstigen Konstellationen geschuldet; die Umstände müssen sich zärtlich verschwören. Caroline (Fanny Ardant) und Julien (Laurent Lafitte) lernen sich exakt im richtigen Augenblick kennen; in einem anderen Lebensalter hätten sie einander wahrscheinlich gar nicht beachtet.

Sie ist verheiratet, Zahnärztin, hat mit Anfang 60 jedoch ihren Ruhestand angetreten und verfügt über viel freie Zeit. Er ist Ende 30 und versteht es, seine Tage so einzurichten, dass ihm Zeit bleibt. Ihre wohlmeinenden Töchter haben ihr ein Schnupperangebot für den Seniorenclub »Die schönen Tage« geschenkt, was sie erst einmal gehörig abschreckt – bis sie in den Computerlehrgang kommt, den er leitet. Ihre Anziehung ist stark und gegenseitig; auch wenn er keinen Hehl daraus machen kann, noch weitere Liebschaften zu unterhalten. Sie sind jung genug, sich auf dieses Abenteuer einzulassen, und alt genug, es offenen Auges zu tun. Er ist sicher, sie werde vor ihm wissen, wann die Liaison ihr Ende erreicht hat. Beide dürfen hoffen, dass der Abschied mit Lächeln geschehen wird. Der Zauber des Verliebtseins kann in Marion Vernoux‘ Verfilmung eines Romans von Fanny Chesnel auf überflüssige Illusionen verzichten. Es ist ein großes Kinoglück, Caroline und Julien zuzusehen.

In dieser Liebesgeschichte, die keine Opfer fordern muss, um den Zuschauer wehmütig zu stimmen, fällt dem betrogenen Ehemann eine dankbare Rolle zu. Philippe (Patrick Chesnais) ist kein Dummkopf, sondern scharfsinnig und gewitzt. Auf den Ehebruch reagiert er mit einnehmender Verdrossenheit. Seine Ironie bleibt bei aller Wut verbindlich; er muss keine Haltung wahren. Es ist ihm zuzutrauen, verwegene Entscheidungen mit gebührender Gelassenheit zu treffen. Er ist zu Einsicht fähig. Caroline und Philippe haben ihre Ehe nicht bloß über die Zeit gerettet, sie ist eine verlässliche Verankerung in ihrem Leben. Die Behaglichkeit, die in dieser Lebens- und zuvor auch Arbeitsgemeinschaft herrscht, ist keinesfalls mit Reizarmut zu verwechseln.

Vernoux nimmt der Liebesgeschichte nichts von ihrer Strahlkraft, indem sie sie in einen vielstimmigen Film einbettet. Sie hat ein Faible für die Interaktionen zusammengewürfelter Gruppen. Die neuen Bekannten im Seniorenclub fungieren nicht allein als Chor, sondern gewinnen jeweils ein eigenes Profil. Mit Fanny Cottencon, Jean-François Stévenin und der Rohmer-Muse Marie Rivière sind sie prächtig besetzt. Der Film ist neugierig, wie Caroline auf die Menschen reagieren wird, die sie in den »schönen Tagen« kennenlernt, welche ungekannten Saiten sie zum Schwingen bringen werden. Vernoux legt immensen Wert darauf, ihre Heldin nicht nur als Liebende zu definieren. Obwohl sie ihre Praxis aufgegeben hat, steht Caroline im Leben. Die Gründe für ihre Entscheidung, vorzeitig in Ruhestand zu gehen, bleiben ein wenig in der Schwebe, haben aber Gewicht. Sie konnte nicht am Sterbebett ihrer besten Freundin sein, weil sie gerade die Zähne einer Patientin bleichen musste. Das kann sie sich (und auch Philippe) nicht verzeihen. Über den Verlust ihrer Freundin, der im Film sechs Monate zurückliegt, spricht sie beinahe häufiger als über ihre Ehe.

Es ist gleichwohl ein Film, in dem sich mehr Türen öffnen als schließen. Dass die Badesaison in der nordfranzösischen Küstenstadt fast vorüber ist, dient nicht als allegorischer Fingerzeig, sondern als atmosphärische Auskleidung. Der Zuschauer darf sich der Gewissheit anvertrauen, dass die Ereignisse für keinen der Beteiligten die »letzte Chance« darstellen. So ist die Rolle der Caroline für Fanny Ardant eher Anlass zu einer stolzen Zwischenbilanz denn einer Summe ihrer Leinwandpersonae. Das Leitmotiv ihrer Filmrollen ist ja seit je die Liebe im bürgerlichen Milieu. Auch diese Figur kann die Konventionen abstreifen, damit ihre Gefühle sich aus der Deckung wagen. In das Wechselbad aus Schuldgefühl und der Lust an Flirt und Verstohlenheit ist sie seit ihren Anfängen bei Truffaut nicht mehr so furchtlos und berückend eingetaucht. Ihre raue Stimme, ihr vornehm schlanker Wuchs und ihr Gesicht, diese einzigartige Harmonie der Widersprüche, verleihen Caroline eine Aura von Selbstbestimmung und Neugierde. Ihre Nonchalance ist hinreißend, wenn sie kurzerhand Juliens Rotweinglas nimmt und in einem Zug austrinkt oder später beschließt, wieder mit dem Rauchen anzufangen.

Vernoux‘ Inszenierung lässt sich bisweilen anstecken von Ardants rigorosem Leichtsinn. Beschwipst und angeheitert wirken manche Kamerafahrten, die Montage ruft mitunter eine schöne Irritation auf den Plan, wenn sie die Perspektiven wechselt und rätseln lässt, wie groß oder klein die Distanz zwischen den Figuren gerade ist. Fast möchte man behaupten, auch Vernoux ließe sich gehen. Aber ihre Regie lässt sich nicht einfach ins Schlepptau nehmen vom Temperament ihres Stars. Sie versteht es, sich im entscheidenden Moment abzulösen. Denn sie weiß. dass alle drei Protagonisten emotionale Kraftfelder aus eigenem Recht sind.

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