Kritik zu Die Prinzessin von Montpensier

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Im Trubel des letztjährigen Festivals von Cannes ging Bertrand Taverniers Historienfilm ein wenig unter. Nun kommt dieses Juwel doch noch in unsere Kinos

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Nicholas Sarkozy löste vor einiger Zeit helle Empörung unter seinen Landsleuten aus, als er forderte, den Roman »Die Prinzessin von Clèves« endlich von den Lehrplänen der Schulen zu streichen. Der Einwand, Madame de Lafayettes Buch habe immerhin die Tradition des psychologischen Romans in Frankreich begründet, bremste den präsidialen Furor wenig: Was sollten Schüler denn heute noch aus einem Buch lernen, das im 17. Jahrhundert geschrieben wurde?

Es besitzt mithin beträchtliche kulturpolitische Brisanz, wenn Tavernier nun Madame de Lafayette verfilmt; wenngleich nicht ihren berühmten Roman, sondern eine Novelle, die das Hauptwerk stilistisch und thematisch in vieler Hinsicht vorwegnimmt. In ihrem Blick auf das kulturelle Erbe erweisen sich Künstler oft als die klügeren Patrioten. Die Frage nach dem Zeitgemäßen stellt sich der Regisseur freilich nicht nur in der Opposition zu seinem Staatsoberhaupt. Ihn empören auch die Gepflogenheiten eines Blockbuster-Kinos, das die Historie nur als eine Kolonie der Gegenwart betrachtet, deren Reichtümer es mit dreister Rücksichtslosigkeit ausbeuten kann.

Allerdings macht Tavernier Filme nicht nur aus Entrüstung, sondern vor allem aus leidenschaftlicher Hingabe an den jeweiligen Stoff. Mit raffinierter Empfindsamkeit übertragen er und sein Koautor Jean Cosmos die komplizierte Gefühlsgeometrie einer Novelle auf die Leinwand, die verbürgte mit fiktiven Figuren vermischt. Die junge Marie de Mezières wird von vier Männern umworben. Sie liebt den Heißsporn de Guise, wird auf Geheiß ihres Vaters jedoch mit dem Prinzen von Montpensier verheiratet. Dessen treuer Freund, der Comte de Chabannes, wird ihr Lehrmeister und verliebt sich in sie; ebenso wie der undurchsichtige Duc d’Anjou, der spätere König Henri III. Die Liebe bleibt in diesem vortrefflich gespielten Ensemblefilm nicht, wo sie ist; sie zirkuliert auf verhängnisvolle Weise zwischen Charakteren, deren Vielschichtigkeit sich im Verlauf der Geschichte in immer tieferem Relief offenbart.

Die Prinzessin von Montpensier schillert zwischen den Genres, vermählt das Melodram mit Elementen des Mantel-und-Degen- Films. Die französischen Religionskriege des ausgehenden 16. Jahrhunderts dienen Tavernier nicht als bloße Kulisse, sondern als Bedingung einer ambivalenten Sittenstudie. Er erhebt Einspruch gegen den moralisierenden Ton der Vorlage, setzt ihm die Sinnlichkeit als Argument entgegen. Sein Film bedenkt die Jahrhunderte, die seither vergangen sind, zensiert die historische Authentizität aber nicht nach dem Gutdünken einer modernen Perspektive. Mit eleganter Wucht wirft Bruno de Keyzers Kamera den Zuschauer mitten in die Widersprüche einer Epoche hinein, in der Barbarei und Kultur erbittert miteinander ringen. Tavernier rekonstruiert sie ganz aus dem Alltagsleben heraus; er hat dabei in Didier Lefur einen der besten Kenner der Zeit als Berater hinzugezogen. Wie stets, wenn er ein historisches Fresko dreht, will er den Zuschauer zu einem Zeitgenossen der Vergangenheit machen.

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