Kritik zu Die Liebenden

© Senator

Eine Zeitreise über 45 Jahre von den 60ern bis heute im Schlepptau von Catherine Deneuve und Tochter Chiara Mastroianni, offeriert von Christophe Honoré als Hommage an Jacques Demy

Bewertung: 3
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Rot sind sie natürlich, diese steilen Schuhe, die eigentlich nicht zum Drauflosmarschieren, sondern nur für die glamouröse Beinschau geeignet sind. »Boots are made for walking« schmettert dennoch der Soundtrack, allerdings auf Französisch, um den Zeitpunkt zu untermalen. Wir schreiben das Jahr 1964 als unter den Petticoats noch genug Platz war, um nach Ladenschluss ein Paar Schuhe mitgehen zu lassen. »Ohne die Schuhe wäre Mama keine Hure geworden«, meldet die vorwitzige Tochter, die hier noch nicht einmal gezeugt ist, als Erzählstimme aus dem Off von ein paar Jahrzehnten später. Noch ist nämlich Madeleine (Ludivine Sagnier), die junge Schuhverkäuferin mit den flinken Händen, single und wasserstoffblond. Bald aber wird sie – bei ihrem neuen Nebenerwerb – den ebenfalls jungen Medizinstudenten Jaromil aus Prag kennenlernen, der sie nicht viel später (mit Nachwuchs) ins sozialistische Prag entführen wird.

Jaromil (in jungen Jahren gespielt von Radivoje Bukvic) ist ein Frauenheld und kann es einfach nicht lassen, auch nicht, als schon die Panzer in die schöne Stadt an der Moldau rollen. Von Prag im Jahre 1968 bis Paris im Jahre 1978 ist es nur ein Katzensprung. Madeleine ist längst mit einem Polizisten verheiratet, trägt das nun goldblonde Haar etwas länger und sieht aus wie Catherine Deneuve. Ihre Tochter Véra, die nach dem großen Satz bis 1997 schon ziemlich erwachsen aussieht und sich im Londoner Nachtleben austobt, ist unverkennbar, wenn auch blondiert, Chiara Mastroianni.

Was sich sprunghaft anhört, ist auf der Leinwand durch sorgfältige Übergänge kaschiert und sieht kurzweiliger aus als der lange Zeitraum von 45 Jahren vermuten lässt. Nichts als Liebesgeschichten sind das Thema des Films, Paare, die sich finden, verlieren und wieder zusammenfinden, oder an Tod und Krankheit – scheitern. Alles dreht sich um Mutter und Tochter, und über alledem schwebt – überlebensgroß – Ahnherr und Vorbild Jacques Demy, der Doyen der comédie musicale, der nicht zum ersten Mal als guter Geist durch einen Film von Christophe Honoré weht. Nach der Hommage an Demys Lola sind jetzt Die Regenschirme von Cherbourg an der Reihe, der Klassiker des Genres schlechthin, Cannes Sieger aus jenem Jahr 1964, das auch den Durchbruch von Catherine Deneuve als internationalen Star markiert. Plot und Starimago gehen Hand in Hand – ein Geschenk für Catherine Deneuve, die genau weiß, dass sie mit solchen Filmen ihre eigene Filmgeschichte weiterschreibt.

Da sind die eigens von Hauskomponist Alex Beaupain für den Film geschriebenen zwölf Chansons, die den Verlauf der Handlung mittragen, sich wie »innere Monologe« zwischen die Handlungsstränge drängeln. Wunderbar das Duett zwischen Mutter und Tochter, die mit dem Lied »Une femme légère« ihre Verwandtschaft – wie die Mutter so die Tochter – bezeugen und gleichzeitig die »Leichtigkeit des Seins«, jenes von RegisseurHonoré glorifizierten Goldenen Zeitalters der Liebe – die unvergesslichen Sechziger – hochleben lassen. Allerdings: fünfzig Jahre danach lässt sich die blauäugige Verklärung des Nachgeborenen, der sich (im letzten Teil) über das unlustige Aids-Zeitalters beklagt und dem Machogehabe von damals nachtrauert, nicht mehr so richtig goutieren. Es sei denn, man nimmt es als Märchen, auch darin ganz Demy: die verzauberte Hure mit dem Herz auf dem rechten Fleck, die sich durch die Zeitläufte mogelt und – ihre Kehrseite – die verwundbare Tochter, die alles zu schwer nimmt und daran zugrunde geht.

Doch nicht nur die Gesangseinlagen sind weit von der Poesie des musikalischen Universum eines Jacques Demy entfernt, der in seinem neuartigen Musical das Drehbuch durch die Partitur ersetzte, mit Farbenpracht und Feenzauber zu blenden verstand, und den Absturz in die Schwärze und Ausweglosigkeit der menschlichen Existenz umso schmerzlicher spüren ließ. Die »Suche nach der verlorenen Zeit« gleicht bei Christophe Honoré einer postmodernen Spielerei, einer Pose, die Filmgeschichte wie Geschichtsabläufe nur als Ereignishintergrund benutzt, die Tragik des Melodrams jedoch und seine letzte Wahrheit nicht nachvollziehen kann und will.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns