Kritik zu Die Lebenden

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Die österreichische Regisseurin Barbara Albert meldet sich nach einer Regiepause zurück mit einem stark autobiografisch inspirierten Stoff über Familienbande, Nazivergangenheit und Engagement

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Als Barbara Alberts Debütfilm »Nordrand« 1999 in den Wettbewerb des Festivals von Venedig erwählt wurde, markierte das nicht nur den Beginn einer aufmerksam beobachteten Karriere, sondern auch einen internationalen Neustart für den (bis auf Michael Haneke) im Trüben dümpelnden österreichischen Film. Albert selbst hatte dann mit »Böse Zellen« (2003) und »Fallen« (2006) weitere Arbeiten geliefert, die mit sicherem Formbewusstsein und Mut zur Groteske die vornehmlich dunklen Seiten der Existenz ausloteten, auch wenn sie im Unterschied zu Haneke oder Ulrich Seidl einen Schimmer Hoffnung durchaus zuließen. Jetzt kommt Alberts vierter Langfilm – die erste Arbeit nach einer längeren Regiepause, die neben einem durch die Finanzkrise geplatzten Filmprojekt der Geburt eines Sohnes und dem Umzug nach Berlin geschuldet war.

Die Lebenden (der auf Englisch »The Dead and the Living« heißt und auch deutsch als »Die Lebenden und die Toten« geplant war) schlägt nicht nur im Titel hellere Töne an als die früheren Arbeiten Alberts. Erstmals auch steht eine einzige Figur im Fokus: Sita, eine hübsche Literaturstudentin, die mit dem Motorroller durch Berlin knattert und gleich zu Beginn des Films von dem Redakteur sitzengelassen wird, für dessen Castingshow sie als Praktikantin Bewerberfilmchen dreht. In einer knappen Montage folgen eine Clubnacht mit One-Night-Stand und die noch sexund alkoholumnebelte Flugreise zum 95. Geburtstag vom Opa in Wien, der im Altersheim verdächtig viel über Spiralnebel und Unendlichkeit schwadroniert. Da hat Sita durch einen Zufall auch schon eine zerrissene Fotografie gefunden, die den geliebten Großvater kompromittierend in SS-Uniform zeigt. Die junge Frau ist entsetzt und ratlos. Und da Papa auf ihre Nachfragen abwiegelnd bis feindselig reagiert, beginnt die Enkelin, auf eigene Faust zu recherchieren, was sie über Archive in Wien und Warschau bis nach Auschwitz und in die siebenbürgische Familienheimat führt.

Wir kennen solche Szenarien aus Dokumentarfilmen Betroffener. Auch Alberts Film ist autobiografisch inspiriert, nur dass der eigene Großvater schon nicht mehr lebte, als sie von seiner SS-Vergangenheit erfuhr. Auch sie hat damals recherchiert. Und auch sie fand irgendwann – wie Sita – einen anderen Verwandten, der schon in der zweiten Generation Interviews mit dem inkriminierten Großvater gemacht hatte. Die hier in unscharfem Schwarz-Weiß flackernden Interviewszenen erinnern an vertraute dokumentarische Situationen und stehen als eindringlich inszenierte Zeugnisse im Zentrum des Films.

Das liegt einerseits an dem großartigen Darsteller Hanns Schuschnig, der mit schon unheimlicher Sicherheit das Herumlavieren zwischen vermeintlichen Tatsachenberichten, pseudophilosophischen Floskeln, Selbstmitleid und Ent-Schuldigung heraufbeschwört. Es liegt aber auch daran, dass die erzählte Gegenwart hier trotz gewohnt präziser Inszenierung reichlich plakativ daherkommt: Das betrifft die Figur der Sita, deren Entwicklung vom naiven Mädel zur jungen Frau eher behauptet wird als das sie überzeugt, doch auch Vater und Onkel bleiben grob geschnitzt. Dazu kommen Wendungen und Drehbucheinfälle, die den Stoff weniger verdichten als überdeterminieren: Dass die familiär heimatlos gewordene Sita ausgerechnet über »Die innere Heimat« bei Literatinnen im Exil forscht. Dass die breit ausgelegte Metaphorik des kranken Herzens bis zur letztendlichen OP ausagiert wird. Und wenn dann als Liebesobjekt auch noch ausgerechnet ein israelischer Fotograf ins Spiel kommt, gibt das den Themen Schuld und Aussöhnung, die den Film prägen, einen fast schon parodistischen Zug.

Bezeichnend scheint auch, dass der Film nie Genaueres verrät über die Arbeit der Warschauer Aktivisten, bei denen Sita zeitweilig unterkommt. Das soll wohl – wie die verstreuten Verweise auf heutige Flüchtlingsschicksale – in seiner vagen Allgemeinheit als verallgemeinerbar verstanden werden. Es bleibt aber ähnlich oberflächlich wie Sitas idealtypischer Bildungsweg über die Versöhnung mit der eigenen Geschichte in eine Zukunft sozialer Verantwortung. Immerhin dürfte der bisherigen Extremfilmerin Albert für ihre neue Konzilianz erstmals der Weg zu einem Wohlfühlpublikum offenstehen.

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