Kritik zu Die Frau des Nobelpreisträgers

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Glenn Close spielt die Titelrolle in der Leinwandadaption von Meg Wolitzers Erfolgsroman: die leidgeprüfte Frau eines erfolgreichen Autors, die sehr viel mehr draufhat, als alle in ihr zu sehen gewillt sind

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Hinter dem freundlichen Geplänkel im Ehebett verbirgt sich große Nervosität. Die Nacht vor der Bekanntgabe des Literatur-Nobelpreisgewinners von 1992 ist für den US-amerikanischen Schriftsteller Joseph Castleman (Jonathan Pryce) mit großen Erwartungen befrachtet und mit ebenso großer Angst vor der Enttäuschung, doch nicht berücksichtigt zu werden. Joan Castleman (Glenn Close) sucht ihren Ehemann zu beruhigen, und als tatsächlich der Anruf aus Stockholm kommt, im Morgengrauen, hüpfen die beiden Endsechziger auf dem Bett herum: »Wir haben gewonnen!« Was für ein schönes Paar in diesem schönen Haus in Connecticut! Was für eine wunderbare Gemeinsamkeit! Zu schön, um wahr zu sein?

Tatsächlich wird dieses Bild nach und nach entzaubert in Björn Runges Kinoadap­tion von Meg Wolitzers Roman »The Wife«. Die heile Fassade bröckelt unmittelbar mit dem Anruf von der Nobelakademie, währenddessen Joan eine Funktion zugewiesen wird, die nach dem Willen der Preisverkünder ihren Platz im folgenden Geschehen definieren soll: Da ihr Mann nun sehr von den Medien belagert werden wird, solle sie doch bitte die telefonischen Anfragen schon mal sortieren, um seinen Stress etwas zu mildern. Joan Castleman, so viel ist klar, wird allenfalls als Begleiterin des Hochgeehrten, als seine Assistentin quasi, jedoch nicht als gleichwertiger Mensch betrachtet. In Stockholm angelangt, wird ihr das Damenprogramm der Akademie empfohlen: Shoppen und Kosmetikbehandlungen.

Glenn Close spielt diese Joan Castleman als kultivierte und diskrete Frau von großer Selbstkontrolle, die ihre stille Wut lange zu unterdrücken weiß. Unvergleichlich ist der frostige Ausdruck, den ihr Gesicht mehrfach annimmt, wenn es ihr dann doch zu viel wird. »The Wife« ist ganz der Film von Close, wiewohl auch den anderen Figuren Aufmerksamkeit gezollt wird, dem Sohn (Max Irons) zumal, der auch Schriftsteller werden möchte und vom Vater auf herzlose Weise kleingehalten wird. Die Familie bildet eine Druckkammer – darin gleicht sie anderen.

Björn Runges Regie ist allerdings konventionell; sie folgt der Reise des Paars mit dem Sohn nach Stockholm zur Preisverleihung und nimmt die Geschehnisse dort ins Visier, konfrontiert die Eheleute mit einem dreisten Biografen sowie einer lästigen Auftragsfotografin und wendet sich in Rückblenden der Geschichte der beiden alten Castlemans zu. Wie überflüssig diese Rückblenden eigentlich sind, verdeutlicht eine kleine Szene im Stockholmer Nobelhotel, als sich der gefeierte Autor partout nicht an eine seiner Romanfiguren erinnert. Dass dieses Paar ein Geheimnis hat, dass in Wahrheit Joan als heimliche Autorin die Nobelpreiswerke verfasst hat, bedarf keiner Auserzählung. Runge hätte es einfach in der Figur dieser Frau evozieren können.

Man fragt sich, was dieser Film wäre ohne Glenn Close. Wie er mit einer weniger meisterlich nuanciert agierenden Darstellerin wirken würde. »The Wife« verdankt Close alles: die stets latent bewölkte Atmosphäre im ehelichen Miteinander und die schubweise Explosion im Streit. Für Joan ist die Reise nach Stockholm, wo jeder über jeden Witz von Joe lacht und sie selbst wiederholt subtil gedemütigt wird, der längst fällige Anlass, ihr Lebenskonzept zu überprüfen und damit die Arrangements, auf die sie sich einließ.

Joans Stolz und ihre Würde sind das imaginäre Rückgrat dieses Films. Dabei sind in der Figur von Glenn Closes Joan äußerst komplexe Sachverhalte konzentriert, etwa Reflexionen über die Stellung der Frau im Kunstbetrieb in Vergangenheit und Gegenwart und über die Spannung zwischen privater und öffentlicher Identität. Letztlich geht es in »The Wife« um den Preis von Sichtbarkeit und Autonomie. Joans Forderung an Joes Biografen stellt hier ein Programm dar: »Beschreiben Sie mich nicht als Opfer. Ich bin viel interessanter!«

Meinung zum Thema

Kommentare

Das Problem ist doch nicht Runges Regie - er hat das Drehbuch umgesetzt (und das nicht mal schlecht). Aber das Drehbuch ist schwach, da kann Runge auch nix dafür. Ich finde, er macht seine Sache den Umständen entsprechend sehr gut (Schauspielerführung!).

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