Kritik zu Die Augen des Engels

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Angelehnt an den spektakulärsten Mordprozess der jüngeren italienischen Geschichte erzählt Michael Winterbottom von einer Wahrheitssuche, die sich im Labyrinth aus Medienstories, Spekulation und Projektion verliert

Bewertung: 3
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3.3 (Stimmen: 3)

Erst vor kurzem war ihr Name noch einmal in den Schlagzeilen: Amanda Knox wurde Ende März in letzter Instanz von dem Vorwurf freigesprochen, sie habe im November 2007 gemeinsam mit Raffaele Sollecito ihre Mitbewohnerin Meredith Kercher ermordet. Das Urteil war der Schlusspunkt eines jahrelangen Hin und Hers von Schuld- und Freisprüchen – und ließ erneut viele Fragen offen. Mindestens ebenso spektakulär wie die blutige Tat selbst ist der Medienhype um den Fall. Die attraktive US-amerikanische Studentin wurde wahlweise zum dämonischen »Engel mit Eisaugen« oder zur verfolgten Unschuld vom Lande stilisiert, war mal drogensüchtiger Sex-Maniac, mal Opfer einer Verschwörung. Ganze PR-Kampagnen wurden für und wider sie lanciert, zahlreiche Filme und Bücher veröffentlicht, darunter eines von ihr selbst. Fakten wie Indizien verschwammen im immer dichteren Nebel der Meinungen.

Die Konstruktion von »Wahrheit« durchs Geschichtenerzählen rückt Michael Winterbottom ins Zentrum seines Films. So muss er all jene enttäuschen, die entweder eine nüchterne Rekonstruktion des Falls oder einen »richtigen« Thriller erwarten. Die Augen des Engels hält sich zwar trotz geänderter Namen und Verlegung des Schauplatzes von Perugia nach Siena äußerlich eng an den Mordfall, befragt aber vor allem die Mechanismen von Verzerrung und Projektion. Der Film will eine selbstreflexive Metafiktion zu all den Fiktionen um das Opfer Meredith Kercher, vor allem aber um die Verdächtige Amanda Knox sein. Winterbottom tappt gleichsam im Nebel und sucht in flüchtigen Bildern nach Anhaltspunkten – doch er weiß das und stellt die eigene Suche infrage. Die Ungreifbarkeit, ja Nichtexistenz der einen Wahrheit ist sein eigentlicher Fixpunkt.

So spielt Daniel Brühl im Film den Filmemacher Thomas Lang, der in dem Mordfall einen packenden Stoff für sein nächstes Projekt wittert und zur Recherche nach Siena reist. Dort trifft er die Journalistin Simone Ford (Kate Beckinsale), von Anfang an Beobachterin der Ermittlungen. Sie führt ihn in den Kreis jener Reporter ein, die sich dort dauerhaft für den Prozess eingerichtet haben und so etwas wie eine Subkultur bilden. Deren Jagd nach den deftigsten Schlagzeilen macht sie nicht unbedingt zur angenehmsten Gesellschaft für den nachdenklichen Thomas. Er wühlt sich immer tiefer in den an Widersprüchen reichen Fall und droht sich in seinen eigenen Projektionen zu verlieren. Persönlicher Verlust macht ihn zusätzlich verletzlich: Er ist von seiner Frau für einen anderen Mann verlassen worden, der Kontakt zu seiner kleinen Tochter besteht aus immer wieder abbrechenden Skype-Gesprächen. Die Begegnung mit einem sinistren italienischen Blogger, der behauptet, die Wahrheit zu kennen, verwirrt Thomas nur noch mehr. Bald suchen düstere Träume und Visionen den Zweifler heim – inszeniert in beunruhigend fragmentierten, den Tatort umspielenden Sequenzen.

Winterbottom stilisiert das nächtliche Siena zu einer Metapher für das Labyrinth aus Indizien. Zu Noir-Motivik und Stilmitteln des Mystery-Thrillers zieht er noch eine weitere Ebene ein: Dantes »Göttliche Komödie« und die Biografie des Dichters werden nicht nur zitiert, sie strukturieren untergründig den Film, was stellenweise prätentiös wirkt. Ein bisschen viel »Meta« schillert in den Augen des Engels, und wie Thomas scheint sich auch der Film immer wieder in den eigenen Bildern zu verirren.

Beachtlich ist allerdings die Wendung, die die Geschichte nimmt, als Thomas die Studentin Melanie (Cara Delevingne) kennenlernt. Durch diese Begegnung verlagert sich Thomas' Blick wie auch der Fokus des Films weg von der Verdächtigen hin zum Opfer des Mordes – eine Abkehr vom Lustobjekt der Öffentlichkeit als ethisch schlüssige Verschiebung der Perspektive. Da vollzieht der Film auf mutige Weise, was die Journalistin Simone dem Filmemacher Thomas anfangs nahelegt: »Du kannst die Wahrheit nur durch die Fiktion erzählen.«

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