Kritik zu The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten

© Fox

2011
Original-Titel: 
The Descendants
Filmstart in Deutschland: 
26.01.2012
L: 
110 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Alexander Paynes neuer Film zeigt George Clooney als Familienvater in existenzieller Krise. Schauplatz dieser Melange aus Melodram und skurriler Komödie ist Hawaii – ein Paradies voller Schatten

Bewertung: 3
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Als Endpunkt der amerikanischen frontier betrachtet man Kalifornien und die USWestküste. Dort endet das Land, der pazifische Ozean beginnt oder auch das Reich der Träume und des Todes. Doch weit draußen gibt es auch einen Außenposten: dort, wo der Westen gleichsam auf den Osten trifft, liegt Hawaii – ein Fluchtpunkt der Sehnsüchte bis heute, eine Inselwelt der Popkultur mit Surfbrettern, bunten Hemden und einer heiter-melancholischen Musik. Hawaii ist Schauplatz von Alexander Paynes neuem Film, der auf dem Debütroman Mit deinen Augen der Autorin Kaui Hart Hemmings beruht. Wie immer bei Payne spielt der Schauplatz auch eine Hauptrolle: Hawaii als eine Gruppe von Vulkaninseln bleibt ein terrain vague, eine Welt mit unsicherem Untergrund.

George Clooney als Matt King, einen heimlichen »König von Hawaii«, dessen alteingesessene Familie den letzten unberührten Landstrich an der Küste von Kauai besitzt, trifft ein Schicksalsschlag mit gnadenloser Härte. Seine Frau liegt nach einem schweren Speedbootunfall im Koma. Die Ärzte geben ihr keine Chance mehr. Lebenslust und Todesnähe, Paradies und Schattenreich: Dies alles ist oft nur durch einen Wimpernschlag voneinander getrennt, wie uns Payne gleich zu Beginn in einer beeindruckenden Montage aufzeigt. Die sterbende Frau bleibt allgegenwärtig im Film, gerade auch wenn sie nicht im Bild erscheint.

Einen zurückhaltenden Star präsentiert Payne, einen auf den ersten Blick unspektakulären Clooney. Als Matt King ist er durch den Unfall seiner Frau in eine unmittelbare Krise geworfen. Zum ersten Mal muss er sich um seine beiden Töchter kümmern, um die aufmüpfige und altkluge Scottie und die rebellische 17-jährige Alexandra. Payne hat bereits in Filmen wie About Schmidt und Sideways Männer in der Krise gezeigt: Er hat sie dabei als geradezu skurrile Figuren porträtiert. Und auch jetzt lässt er einen glamourösen Star wie Clooney als tragisch-lächerlichen Mann erscheinen.

Das Tragische wird mit dem Lächerlichen verknüpft, als Matt King von Alexandra erfährt, dass ihn seine Frau vor dem Unfall mit einem anderen Mann betrogen hat. Als King, der ironischerweise als Treuhänder tätig ist, den Treuebruch seiner Frau realisiert, gibt es eine merkwürdige Szene, beinahe untragbar für einen Hollywood-Mainstream-Film. Clooney läuft leicht bekleidet und mit losem Schuhwerk zu Freunden, um sich den Ehebruch bestätigen zu lassen. Ein unendlicher,  grotesker Lauf ist dies, als würde Clooney als Matt King seinem eigenen Leben hinterherrennen.

Es gibt Momente in Paynes Film, die auf eine Dekonstruktion amerikanischer Männlichkeit verweisen. Matt King scheint sich auf komische und schmerzliche Weise neu erfinden zu müssen. Er muss seine Lebensweise überdenken, so wie auch Hawaii neu entdeckt werden muss angesichts von Tod, Täuschung und Selbsttäuschung. The Descendants wird dabei wie viele Payne-Filme zu einem Roadmovie. Was auf Hawaii bedeutet: Insel-Hopping und Läufe am Strand. Matt King macht sich mit seinen Töchtern auf die Suche nach dem Liebhaber seiner Frau. Wobei dieser Liebhaber nur ein McGuffin sein kann.

Nicht immer klappt Paynes sicherlich wagemutiger Nexus von Komik und Melodram, von Entzauberung und Verzauberung. Beim spannenden, von Clooney großartig gespielten Zusammentreffen mit dem Liebhaber seiner Frau kann Payne auf ein paar billige Gags nicht verzichten. Dabei ist diese Konfrontation ein bitterer Showdown: Welche Defizite muss Clooneys schöne, reiche Figur aufgewiesen haben, damit ihn seine Frau mit einem von Matthew Lillard gespielten billigen Karriereristen betrogen hat?

Der Weg aus der Krise liegt für Matt King und seine Familie in einem neu gewonnenen Gefühl der Verantwortung – auch für das Land, das King auf Hawaii besitzt. Verantwortung, verknüpft mit neuer, märchenhafter Lässigkeit: Den schönsten, berührendsten Abschied von Kings Frau nimmt übrigens ihr alter Vater, toll gespielt von Robert Forster: wohl auch weil Payne keine Love Story erzählt auf Hawaii, dem Außenposten der Sehnsüchte, sondern eine Geschichte von Vätern und Töchtern, von Generationen, non descendants.

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