Kritik zu Der Unschuldige

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Im Film des Schweizer Regisseurs Simon Jaquemet gerät eine Tierärztin in die Krise, als eine Jugendliebe wieder auftaucht und ihr Leben als gläubiges Freikirchen-Mitglied und brave Ehefrau aus den Angeln hebt

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Der Horror nistet in »Der Unschuldige«, einem Film des Schweizer Regisseurs Simon Jaquemet, in dem klinisch weißen, verglasten Eigenheim, in dem Ruth (Judith Hofmann) und ihre Familie wie in einer Blase leben. Er setzt sich in den Tiefgaragen, leeren Gängen und sterilen Funktionsräumen des Labors fort, in dem die spröde Frau als Narkoseärztin mit Versuchsaffen arbeitet. An einer OP, bei der der Kopf eines Tiers auf den Körper eines anderen gesetzt wird, ist sie beteiligt. Ihre Chefs zelebrieren die Grenzüberschreitung als medizinische Sensation, für Ruth stellt sie ein weiteres Schockmoment in ihrem aus den Fugen geratenen Leben dar.

Die Kälte des Settings korrespondiert in Jaquemets bizarr aufgeladenem Zeitbild mit einer ebenfalls sauber organisierten Gegenwelt, in dem die verschlossene, ihre Traumata tapfer abspaltende Protagonistin emotionalen Halt zu finden glaubt.

Wenn Ruth durch ein Gebäude eilt, weiß man nicht, ob sie im Labor oder am Sakralort ihrer evangelikalen Sekte landet. In einem umgewidmeten Konferenzsaal wird im Chor gebetet, tröstend die Hand aufgelegt und das Bekenntnis zu diesem Klub der Auserwählten abgefordert. Man singt inbrünstig in einem nur Insidern bekannten Glaubens-Esperanto und vor dem Kreuz bearbeitet der Prediger die versammelten Familien, allesamt Duz-Freunde, mit routinierten, Harmonie verheißenden Bibel-Floskeln.

Zu Hause im Glashaus setzt sein Stellvertreter, Ruths Gatte Hanspeter (Christian Kaiser), den Druck zur Glaubenstreue und Unterordnung nicht nur beim Tischgebet fort. Ruth nimmt das entlastende Angebot wörtlich, sie bittet laut und innig Jesus wie einen guten Freund um Hilfe, als der fest gefügte Lebensentwurf gleich mehrfach explodiert, und bezieht – wer weiß? – daraus ihre ganz eigenen überraschenden Handlungsantriebe. Ruths Stärke im Desaster, eine physische Präsenz, mit der die am Deutschen Theater in Berlin engagierte Judith Hofmann ihre Rolle ausfüllt, ist das Kraftzentrum des Films, das ihn bis zum letzten Moment zu einem ungewöhnlichen, mit Grüßen an David Lynch flirtenden Mystery-Drama macht.

»Der Unschuldige« ist Ruths Jugendgeliebter. Einst ungerecht verurteilt ist er aus dem Gefängnis entflohen. Er steht buchstäblich in ihrem Leben wieder auf, weckt »sündig« genossene Leidenschaft, bietet die gemeinsame Flucht an und löst so den Einsturz ihres zwiespältigen Moralgebäudes aus. Zeitgleich entdeckt Ruth, dass die fromme Teenagertochter heimlich zum Gruppensex im Wald ausschwärmt, kassiert Prügel von ihren Partnern, behält das Erlebnis jedoch für sich. Ihr Schweigen wird als Besessenheit gedeutet, aber auch das Bekenntnis zu ihrem Geliebten, dessen Existenz die Gläubigen für teuflischen Wahn halten, bringt sie dem Exor­zismus nah. Ruth handelt, statt mit Jesus zu »verhandeln«, sie versucht, mit einem surrealen Akt der Wiedergutmachung dem siechenden Affen, einem Opfer menschlicher Hybris, seine Würde zurückzugeben. Das Bild, mit dem der Film Ruths Befreiung aus dem psychischen Gefängnis visualisiert, muss man im Kino erleben.

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