Kritik zu Der Nachtmahr

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Zwischen Träumen und Erwachsenwerden verzweifelt eine Teenagerin an einer grotesken Kreatur, die ihr nicht mehr von der Seite weichen will

Bewertung: 4
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4 (Stimmen: 2)

Wir wurden gewarnt: Eine Texttafel hat gerade noch Stroboskopeffekte sowie »isochromatische und binaurale Sounds« angekündigt, schon zielen flackernde Bilder und Technobeats direkt und höchst wirkungsvoll auf die Verwirrung der Sinne, ziehen hinein in den Exzess einer nächtlichen Poolparty, auf der die unheimlichen Erfahrungen der 17-jährigen Tina ihren Anfang nehmen. Die ist eigentlich ein normaler Teenager aus »gutem Hause«, bereitet sich aufs Abi vor, zieht mit ihren Freundinnen durch die Nächte und wirft auch mal stimmungsbefeuernde Substanzen ein, außerdem schwärmt sie für den coolen Adam. Doch dann tritt eine fremdartige, reichlich hässliche Kreatur in ihre Welt und versetzt sie in helle Panik.

Sehr eindringlich inszeniert AKIZ – ein Pseudonym, das diesen Film durchaus schlüssig von früheren Arbeiten des Regisseurs abgrenzt – Tinas Angst und Entfremdung von ihrem Umfeld. In exzessiven Montagen ihrer Visionen, mit irritierenden Zeitsprüngen und -schleifen, sowie, als Kontrast dazu, absurd-komischen Interventionen der verständnislosen Eltern und eines Psychiaters, taucht er in die Wahrnehmung des Mädchens ein. Er lässt uns sehen, was im Film (zunächst) nur sie sieht: ein gnomhaftes runzliges Ding mit Buckel, dürren langen Fingern und »blinden Augen«, die sie dennoch anschauen – eine Mischung aus E.T., einem Embryo und jenem »Nachtmahr« von Johann Heinrich Füsslis berühmtem Gemälde. Doch auch dieses Fremde hat eine komische Note, wie es vor dem heimischen Kühlschrank kauert und sich durch die Vorräte frisst, und was als Horrortrip und klarer Genrefilm beginnt, durchläuft in der Verbindung zwischen Tina und ihrer Heimsuchung ungewöhnliche Verschiebungen. »Der Nachtmahr« ist, deutlicher noch als manche anderen Genrefilme mit Teenagerprotagonisten, auch ein Coming-of-Age-Drama. Das Bild der Kreatur gewinnt dabei eine schillernde metaphorische Vieldeutigkeit. Nicht nur die Schwarze Romantik, explizit etwa William Blake, und die Filmgeschichte spielen da hinein, auch ganz alltägliche Teenager­ängste spiegeln sich in diesem hässlichen Schatten des hübschen Mädchens.

Laut eigenen Aussagen hat AKIZ dieses Wesen schon sehr lange beschäftigt. Der Regisseur, der auch Bildhauer ist, schuf bereits Anfang der 2000er erste Formen des Nachtmahrs und gestaltete ihn seither immer weiter aus. Das fertige Wesen, wie es im Film zu sehen ist, ist weitgehend »klassisch« umgesetzt, gesteuert von Puppenspielern – mit starkem Ergebnis.

Noch beeindruckender ist allerdings die stilistische Radikalität des Werks, der Wille und Mut zum Exzess. Mit unter 100 000 Euro Budget ist da ein Bilderrausch entstanden, wie er besonders im deutschen Kino Seltenheitswert hat. Obwohl die Inszenierung in einzelnen, mehr dem Realismus verpflichteten Momenten holpert, tragen die Sensibilität von Carolyn Genzkow in der Hauptrolle und die in die Eingeweide fahrende Intensität von Bild- und Tongestaltung den Film bis zum ambivalenten Ende. Man muss weder Technofan noch Teenager sein, um sich von diesem außergewöhnlichen Trip mitreißen zu lassen.

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