Kritik zu Der letzte Applaus

© Arsenal Distribution

2008
Original-Titel: 
El ultimo aplauso
Filmstart in Deutschland: 
21.05.2009
L: 
88 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Der Dokumentarfilmer German Kral kehrt in seine Geburtsstadt Buenos Aires zurück und begleitet drei Tango-Interpreten auf einer Reise in die Vergangenheit

Bewertung: 4
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Der Tango ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann, hat ein argentinischer Dichter einmal gesagt. Dieser Satz ist für den abgeklärten Mitteleuropäer vielleicht noch die griffigste Beschreibung für ein Phänomen, das so viel mehr ist als nur ein Paartanz, der sich zur Leier vom verführenden Weib und triebergebenen Mann in verknoteten Beinstellungen ergeht. Und so viel mehr als bloß ein Klagelied, das sich im Leid verliert, bis nicht mal ein Theatervorhang als Schneuztuch reicht.

Nimmt man also diesen traurigen Gedanken und dazu German Krals Dokumentarfilm, der die anrührenden Höhen und Tiefen gealterter Tangosänger und -sängerinnen in Buenos Aires nachzeichnet, dann erfährt man tatsächlich etwas mehr vom Mythos Tango. Von seinen Anfängen in den Elends- und Hafenvierteln der Stadt als trostspendender Männertanz (!). Und von der Wurzellosigkeit all der Migranten, die erst in den Folgegenerationen ihre unbestimmte Sehnsucht nach Ferne, Freiheit und neuer Heimat in die Sprache des Tangos zu übersetzen wussten.

Ein heruntergekommener Schuppen in Pompeya am Stadtrand von Buenos Aires, das »El Chino«, wurde zur Begegnungsstätte der Künstler. Bis sie entdeckt wurden, man Eintritt zahlen musste und jeder Abend mit einem Fest endete. Bis der Besitzer nach 30 Jahren Tango-Geschichte verstarb, der Laden sich auf den Verkauf von Alkohol zu Konservenmusik verlegte und man seine Stars, Cristina de los Ángeles (um die 70), Inés Arce (81) und Julio César Fernàn (58) vergaß.

Das Schöne an dieser Dokumentation, die den Vergessenen zu einem letzten großen Auftritt mit einem jungen, modernen Orchester verhilft, ist die geduldige Liebe zu ihren Protagonisten. Sie lässt ihnen Zeit, zu erzählen, zu schwelgen, zu seufzen, zu schweigen. So bezieht der Film seine Melancholie nicht aus den Posen des Tangos, nicht aus seinen folkloristischen Schauwerten, sondern aus den Lebensgeschichten selbst. In den besten Momenten ist es, als vertone die Musik die Erinnerungen dieser Künstler. Dann wird »Der letzte Applaus« zum Making-of einer Erinnerung. So rau, so brüchig und so fern wie der argentinische Tango selbst.

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