Kritik zu Der Kuaför aus der Keupstraße

© Real Fiction

2015
Original-Titel: 
Der Kuaför aus der Keupstraße
Filmstart in Deutschland: 
25.02.2016
L: 
92 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Andreas Maus rekapituliert die Geschichte des Nagelbombenanschlags 2004 in der Kölner Keupstraße aus der Perspektive der Opfer – die die Ermittlungsbehörden jahrelang als Verdächtige in die Zange nahmen

Bewertung: 4
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 1)

Ermittlungspannen, Vertuschungen und jede Menge ungeklärte Fragen säumen jene Blutspur, die der »Nationalsozialistische Untergrund« (NSU) durch Deutschland zog. In der medialen Berichterstattung im Zuge des Prozesses gegen Beate Zschäpe ist eine der Taten etwas in den Hintergrund gerückt, vielleicht, weil sie kein Todesopfer forderte. Doch auch dieses Unterkapitel des rechten Terrors ist reich an Abgründen: Der Dokumentarfilmer Andreas Maus (»Ballada«) hat sich des Nagelbombenattentats in der Kölner Keupstraße am 9. Juni 2004 angenommen. Direkt vor dem Schaufenster eines Friseursalons explodierte an jenem Nachmittag eine Kombination aus mehreren Kilogramm Schwarzpulver und Hunderten Tischlernägeln. 22 Menschen wurden verletzt. »Die Nagelbombe war aber nur die erste von zwei Bomben, die uns trafen«, sagt die Betreiberin eines anderen Ladens im Interview, »die andere, die größere war für uns, dass der Rechtsstaat versagt hat.«

In Gesprächen mit Opfern des Anschlags, doch auch anhand szenisch und mit Schauspielern umgesetzter Vernehmungsprotokolle macht Maus schmerzhaft nachvollziehbar, wie direkt nach dem Anschlag ein Ermittlungsirrsinn in Gang kam, der sieben Jahre währen sollte. Ein rechtsterroristischer Hintergrund wurde sofort ausgeschlossen, stattdessen richtete sich der Verdacht gegen die überwiegend türkischstämmigen Inhaber der Geschäfte in der Keupstraße. Ging es um die »Türsteherszene«, um organisierte Kriminalität? Nicht gezahlte Schutzgelder? Familienstreitigkeiten? Oder wollte der Friseur Özcan Yildirim, der »Kuaför Özcan«, Versicherungsgelder erschleichen? Den Behörden schien keine Erklärung zu abwegig, solange sie sich gegen die Keupstraßenbewohner selbst richtete. So wurden die Opfer zu Tätern gemacht. Insbesondere der Friseur und sein Bruder fanden sich im Fadenkreuz der Ermittlungen wieder, wurden immer wieder, auch Jahre nach dem Anschlag noch, stundenlang verhört, biografisch durchleuchtet und sogar beschattet.

Aus den Vernehmungsprotokollen ist herauszuhören, wie die Ermittler sich in einer Version eingerichtet hatten, die sie um jeden Preis bestätigt finden wollten. Den Opfern hört man noch heute die tiefe Erschütterung an, die nicht nur die Bombe, sondern auch diese Verdächtigungen angerichtet haben. Erst nach der Aufdeckung des NSU 2011 wichen die Unterstellungen dann beschwichtigenden Politikergesten und halbherzigen Entschuldigungen – einer »Solidarität ohne Risiko«, wie es der Film auf den Punkt bringt.

Die Interviews, Protokolle und Beobachtungen etwa beim großen harmoniesüchtigen Bürgerfest zum zehnten Jahrestag des Anschlags 2014 (Motto: Zusammenstehen) sprechen eine klare Sprache, ebenso wie die neuerliche Weigerung der Behörden, zu den Vorgängen »inhaltlich« Stellung zu nehmen. Den bisweilen raunenden Tonfall der Erzählereinschübe hätte es da nicht gebraucht, um die Frage nach einer strukturellen Fremdenfeindlichkeit aufzuwerfen. Großes Verdienst dieses Films aber ist die Ruhe und Genauigkeit, mit denen er sich den so lange Ungehörten und ihren Geschichten widmet.

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