Kritik zu Der Fall Collini

© Constantin Film

Marco Kreuzpaintner verfilmt Ferdinand von Schirachs gleichnamigen Roman über Schuld und Sühne mit Elyas M'Barek und Franco Nero in den Hauptrollen

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Ein alter Mann schlurft mit versteinerter Miene durchs Hotel-Foyer, der blutverschmierte Absatz eines Schuhs ist abgebrochen und hinterlässt eine rote Spur. Er setzt sich auf einen Sessel und informiert eine irritierte Hotelangestellte, dass der Mann in Zimmer 400 tot sei. Der Fremde hat den dort logierenden, betagten Großunternehmer nicht nur erschossen, sondern dann auch noch brutal auf seinen Kopf eingetreten. Der Täter versucht nun weder zu fliehen, noch zu beschönigen. Er leugnet nicht, verweigert aber eine Erklärung, ein Motiv anzugeben.

Warum die Brutalität des Mordes? Diese Frage ist die große Leerstelle im Zentrum dieses Gerichtsdramas. Weder bei der Polizei noch bei der Begegnung mit seinem Pflichtverteidiger will der Täter, ein italienischer Gastarbeiter namens Fabrizio Collini, sich äußern. Er sitzt einfach nur da, mit ausdruckslosem Gesicht, kaltem Blick und schmal zusammengepressten Lippen, in der Zelle wie im Gerichtssaal. Es ist, als sei jahrzehntelang alles auf diesen Moment zugelaufen und als habe er mit der Tat dann alle Lebenskräfte ausgehaucht. Verkörpert wird dieses Enigma im Zentrum des Films von Franco Nero, der alle Versuche, den Fall zu ergründen, an seinem versteinerten Auftreten abprallen lässt. Dieser seltsame Widerspruch zwischen seinem enigmatischen Auftreten und der abscheulichen Tat hält eine Spannung, die sich lange Zeit nicht auflösen lässt.

Ende der 60er Jahre wurde im Bundestag ein nur scheinbar harmloses Gesetz verabschiedet, demzufolge sämtliche Mordgehilfen im Dritten Reich zu Totschlägern heruntergestuft wurden. Damit unterlagen ihre Verbrechen kürzeren Verjährungsfristen, was de facto einer Generalamnestie gleichkam. Im Grunde ist »Der Fall Collini« also ein verfilmtes Gesetz, was bisweilen leider auch sehr deutlich zu spüren ist, auch schon in der Romanvorlage des Bestsellerautors Ferdinand von Schirach. Wie hier die verschiedenen Positionen von Täter und Opfer über mehr als sechzig Jahre hinweg zusammengezurrt werden, wirkt recht überkonstruiert. Ein Industrieller, der seine schmutzige Vergangenheit mit jovialer Wohltätergeste tarnt, ein kleiner Junge, der mit ansehen muss, wie der Vater von einem Erschießungskommando ermordet wird, ein anderer kleiner Junge, der als türkisches Migrantenkind nur durch die Hilfe des Ziehgroßvaters Zukunftsaussichten hat und ein Jurastudium in Anspruch nehmen kann, und der dann ausgerechnet für den Mörder dieses Mannes als Pflichtverteidiger bestellt wird, dazu noch diverse andere Familientragödien, und ein Mann, der mit der Sucht nach Gerechtigkeit sein ganzes Leben vergeudet. Das laute Knirschen im Gebälk der Drehbuchkonstruktion kann Marco Kreuzpaintner weder mit großem Pathos noch mit einem übermächtigen Soundtrack übertönen. Und wenn Junganwalt Elias M'Barek turnusmäßig als Hobbyboxer in den Ring steigt, ist der Versuch, sein bisheriges Rollenbild mit dem neuen, intellektuellen zu verbinden, allzu offensichtlich.

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