Kritik zu Das melancholische Mädchen

© Salzgeber

Eine postmoderne Komödie in rosa und hellblau: Schriftstellerin Susanne Heinrich gewann mit ihrem Regiedebüt beim Filmfestival in Saarbrücken den Max-Ophüls-Preis

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»Ich hasse melancholische Mädchen«, sagt die nackte Figur im Pelzmantel zu Beginn, »alle melancholischen Mädchen tun das.« Es dauert also keine Minute und eines ist klar: dieser Film will anders sein. Und tatsächlich entzieht er sich souverän jedem Geschmacksurteil, ist ein extrem künstlerisches Experiment mit künstlichen Räumen und Figuren. In den nun folgenden 14 Episoden, in denen das melancholische Mädchen nur einen Platz zum Schlafen sucht, füllt Susanne Heinrich statische, aseptische Sets mit einem feministischen Diskurs in Anführungszeichen. »Ironiker nehmen nichts ernst«, heißt es da, und: »Zyniker sind enttäuschte Romantiker«. In diesem Rahmen wird dann ebenso theoretisch wie humorvoll über Depression, die Mutterrolle, den Selbst­optimierungswahn und die neoliberale Warenwunderwelt gesprochen, intelligent, gewitzt, aber letztlich kalt und abweisend. Der Film will nicht gefallen und das stellt er aus. »Wenn das hier ein Film wäre«, sagt das melancholische Mädchen, »hätten wir jetzt schon all die Zuschauer verloren, die sich identifizieren wollen.«

Susanne Heinrich ist literarisch geschult. Sie hat am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert und zwei Romane und zwei Bände mit Erzählungen veröffentlicht. Seit 2012 studiert sie Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Aber dieser Film, ihr Langfilmdebüt, das kaum 25.000 € gekostet hat, gewann auf Anhieb den Max-Ophüls–Preis. Außerdem singt Susanne Heinrich in der Band »watching me fall«, die sich nach einem Song von The Cure benannt hat. Dabei ist es erstaunlich, wie souverän sie mit den unterschiedlichen Formen umgeht. In Saarbrücken erzählte sie, dass sie irgendwann nicht mehr schreiben konnte und über den Film eine neue Stimme fand. Diese Stimme war anders, direkter und kam aus einer unbekannten Ecke. Vor allem aber hatte sie Humor. Damit umzugehen, so sagte sie, habe sie erst lernen müssen. Der humorvolle Umgang mit der Schreibhemmung zeichnet auch das melancholische Mädchen aus. Immer wieder betont sie, dass sie am ersten Satz des zweiten Kapitels festhängt. Doch damit sind die Gemeinsamkeiten auch schon erschöpft. Die grellen Farben der bunten Neonwelt, die glatten Oberflächen und die durch und durch künstlichen Bewegungen der Darsteller machen konkrete, oder gar biografische Bezüge unmöglich. Man kann diesen Film nicht einmal nacherzählen. Vielmehr ist er als Ganzes ein Kommentar auf die Unglaubwürdigkeit linearer Erzählmuster. Er überwindet die Schreibhemmung der Erzählerin, indem er eben genau nicht erzählt.

Es ist bei aller Emanzipation und den unbegrenzten weiblichen Möglichkeiten nicht einfach, heute ein Mädchen zu sein. Selbst in der Melancholie gibt es keine Rettung. Nur manchmal, das melancholische Mädchen sitzt mit einem hübschen Jungen in der Badewanne, gibt es ein Kinderlied, das ein Fenster in die glücklichere Vergangenheit öffnet. Aber auch das ist nicht sicher. Denn schließlich sagt das Mädchen in seiner tonlosen, unemotionalen Art: Entschuldige. Das war ein Witz. Alles!

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