Kritik zu Clair Obscur

© Real Fiction Filmverleih

Porträt zweier Frauen und zugleich Gesellschaftsanalyse: Yeşim Ustaoğlu geht mit ihrem Psychodrama ­ans patriarchale Eingemachte der Türkei

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Auf den ersten Blick scheinen Chehnaz und Elmas kaum etwas gemeinsam zu haben. Da ist das moderne türkische Bildungsbürgertum von Chehnaz (Funda Eryigit), einer selbstbewussten Psychologin, die ihr Pflichtpraktikum in einer Klinik an der Küste absolviert und mit dem Architekten Cem (Mehmet Kurtulus) verheiratet ist. Ihre Beziehung scheint zuerst sorgenfrei: Sie leben in einer großzügigen Designerwohnung, und wenn Chehnaz in die Stadt kommt, kochen sie oder gehen zusammen aus, auch der Sex scheint leidenschaftlich.

Die junge Elmas (Ecem Uzun) dagegen lebt mit ihrem viel älteren, stockkonservativen Mann in einfachen Verhältnissen. Sie kocht, putzt und versorgt die kranke Schwiegermutter. Dass sie Kopftuch trägt, ist selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich ist, dass sie ihrem Mann sexuell zu Willen ist. Ihre Freiheit besteht aus den wenigen Momenten, in denen sie heimlich am Strand eine Zigarette raucht.

Die Handlungsstränge von Chehnaz und Elmas laufen lange Zeit parallel. Wie der Titel »Clair Obscur« bewegt sich auch der Film zwischen Polaritäten, zwischen Stadt und Dorf, Moderne und Tradition, Freiheit und Repression. Gegenüberstellungen finden auch innerszenisch statt: zwischen Chehnaz und ihren Patienten, zwischen Elmas am Fenster und der Fassade vis-a-vis, wo ein anderes Mädchen mit Kopfhörer tanzend am Fenster steht. So glaubwürdig die Darstellung gesellschaftlicher Widersprüche ist, so überfrachtet mutet diese Zuspitzung teilweise an.

Dass Chehnaz bei aller Freiheit nicht wirklich glücklich ist, ist einleuchtend genug dargestellt. Unter der Oberfläche ist ihr Mann Cem trotz allem ein Macho, dem es beim Sex ausschließlich um seine eigene Lust geht. Überhaupt wird in »Clair Obscur« von den patriarchalen Verhältnisse sehr passend über die Körper erzählt, so auch in Sexszenen, die für türkische Verhältnisse ungewöhnlich explizit ausfallen.

Überaus spannend wird der Film da, wo er die gegensätzlichen Welten engführt. Ein tragisches Geschehen läutet die Begegnung der beiden Frauen ein: Nachdem ihr Mann sie mal wieder vergewaltigt hat, wird Elmas in katatonischem Zustand auf dem Balkon kauernd gefunden und in Chehnaz' Klinik gebracht. Dort setzen die Therapiesitzungen bei Chehnaz ein Erkennen ihrer Unfreiheit in Gang, das letztlich zu dramatischen Veränderungen führt.

Politisch beziehungsweise feministisch waren bereits Yeşim Ustaoğlus Filme »Reise zur Sonne« und »Araf – Somewhere in between«. Mit ihrem neuen Film will sie einer »Gesellschaft, die von innen heraus verfault«, den Spiegel vorhalten. Wenn auch nicht in allem überzeugend, so ist »Clair Obscur« doch als Anklage der Deformation menschlicher Beziehungen durch die patriarchalen Strukturen erfrischend radikal. Ergreifend wird der Film durch das Spiel seiner Hauptdarstellerinnen, vor allem in der extrem langen Sequenz einer Therapiesitzung, in der die Newcomerin Ecem Uzun mit herzzerreißender Intensität darstellt, wie Elmas wieder zur Sprache und zur Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte findet.

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