Kritik zu Araf – Somewhere in between

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In ihrem fünften Spielfilm zeigt Yesim Ustaoglu sich als Meisterin der filmischen Inszenierungskunst und uns einige junge Menschen, die hoffnungslos verloren scheinen im Niemandsland einer sich modernisierenden ländlichen Türkei

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Zehra ist jung, doch ihre dunklen Augen schauen müde. Das macht die anstrengende Arbeit in der Großküche an der Autobahnraststätte. Aber auch die wenig anregende Umgebung daheim in der anatolischen Provinz und in der Familie, wo eine strenge Mutter wacht. Auf die Annäherungsversuche ihres Kollegen Olgun reagiert Zehra zurückhaltend. Denn sie träumt davon, einmal aus diesem engen Trott in die große Welt hinauszukommen und legt dafür sogar regelmäßig Geld zurück. Als dann der Fernfahrer Mahur in ihr Leben tritt, scheinen die Chancen zu einem solchen Ausbruch unmittelbar greifbar zu werden.

Araf ist das türkische Wort für den Zustand des Dazwischenseins, der auch im englischen Untertitel Somewhere in between zum Ausdruck kommt. Ein Begriff, der sowohl die subjektive Befindlichkeit von Zehra als auch die objektive Situation der Jugendlichen in dem entlegenen türkischen Kleinstädtchen auf den Punkt bringt, die zwar per Internet überall in der Welt herumreisen können, ökonomisch und sozial aber unter starkem Druck von Gesellschaft und Familie stehen. Regisseurin Yesim Ustuaoglu inszeniert diese Welt zwischen verschneiter Autobahn und modern aseptischer Großküche in blassen kalten Winterfarben, die sogar die traditionellen Stoffmuster auf dem Sofa infiziert haben.

Die Regisseurin, die seit dem Preisregen für ihr Roadmovie Reise zur Sonne 1999 auch international zu den bedeutendsten Filmemachern Europas zählt, ist sicherlich die wichtigste Regisseurin der Türkei – und mit Themen wie dem Kurdenkonflikt (Reise zur Sonne) oder der Vertreibung der Griechen (Wolken stehen am Himmel, 2005) auch politisch eine vernehmbare Stimme. Nachdem schon in ihrem letzten Film Pandoras Box (2008) die Zukunftshoffnungen am Ende beim Enkel der dargestellten Familie lagen, widmet sich die 1960 geborene Regisseurin jetzt ganz der jungen Generation. Doch die Tonlage ist düsterer als bei ihren bisherigen Filmen, der Humor, der gerade in Pandoras Box eine wichtige Rolle spielte, der Ernüchterung gewichen. Was gleich bleibt, ist ­Ustuaoglus bemerkenswerte Sicherheit der Inszenierung, die mit penibel durchkalkulierten Einstellungen und Tonarrangements ganz in der Tradition eines bis auf den Punkt auktorial kontrollierten Arthouse-Kinos steht.

Araf zeigt auch wieder einmal, dass es manchmal doch einen Unterschied gibt bei dem, was Frauen für erzählenswert halten und wie sie das tun. Als Beispiel dafür mag hier ein Hochzeitsfest stehen, das statt als romantisches Ereignis oder opulent-ausgelassene traditionsbunte Sause – ebenfalls fast entfärbt – als fast kriegerisch gewalttätige bedrohliche Machtdemonstration des allgegenwärtigen Chauvinismus inszeniert ist. Auch sonst ist Araf sicherlich kein Film, bei dem einem das Herz in Wärme aufgeht. Das scheint dem Sujet angemessen. Das Ende mag aufgesetzt erscheinen, an der Reichhaltigkeit des Vorhergegangenen ändert das nichts.

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