Kritik zu Calle Málaga – Ein Zuhause in Tanger

OmeU © Strand Releasing

Eine alte Dame muss nach Jahrzehnten ihre geliebte Wohnung im spanischen Viertel von Tanger verlassen – und wird erfinderisch.

Bewertung: 3
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Carmen Maura, einstige Muse von Pedro Almodóvar, spielt in der Tragikomödie der marokkanischen Regisseurin Maryam Touzani eine gewitzte alte Dame, die sich weigert, aus ihrer Wohnung in der Küstenstadt Tanger auszuziehen. Wenn María Ángeles durch ihre Straße spaziert, erinnert sie an eine bunte Blume. Ihr farbenfrohes Kleid fügt sich harmonisch in das pittoreske Gewusel zwischen Läden und Cafés unter blauem Himmel. Alle grüßen die gepflegte alte Dame, die seit Jahrzehnten in derselben Wohnung im spanischen Viertel von Tanger lebt. Von ihrem mit Geranien geschmückten Balkon genießt sie den Blick über ihr Reich. Das Panorama, von der weißen Medina bis zum Meer, ist überwältigend, fast kann man die salzige Luft riechen.

Wie graumäusig und gestresst wirkt dagegen ihre in Spanien lebende Tochter Clara, als sie ihre verwitwete Mutter nach langer Zeit besucht – und eine Hiobsbotschaft verkündet: Die Krankenschwester, geschieden und mit zwei Kindern, braucht Geld. Sie will die Wohnung, die ihr einst vom Vater überschrieben wurde, verkaufen. María soll zu ihr nach Madrid ziehen, oder ins spanische Altersheim in Tanger. Die todunglückliche María wählt das Altersheim. Und geht heimlich zurück in die leere Wohnung, um ihr Paradies Stück für Stück wieder aufzubauen.

Die Tragikomödie ist einerseits eine Liebeserklärung an das kosmopolitische Tanger, ein Kreuzungspunkt zwischen Atlantik und Mittelmeer, Orient und Okzident. Bekannt als Lieblingsort von Künstlern im frühen 20. Jahrhundert, war das einstige spanische Protektorat Tanger auch Heimat vieler vor Diktator Franco geflüchteter Spanier. Wenn Regisseurin Maryam Touzani, in Tanger geboren, die Stadt und ihre Einwohner in idyllischen Bildern feiert, bewegt sie sich an der Grenze zum Kitsch. Doch die pulsierende Atmosphäre passt zu ihrer Heldin, gespielt von der charismatischen 79-jährigen Carmen Maura. Sie verkörpert hier einen so unwiderstehlich lebendigen Charakter wie einst in den Almodóvar-Filmen: voller Power, sehr feminin und im Notfall gerissen. Ihr Porträt einer Frau, die, eingebettet in ihr Biotop wie eine Perle in der Auster, ein rundum erfülltes Leben führt, macht viel Spaß. Doch als María, aus ihrer geruhsamen Existenz gerissen, nichts mehr zu verlieren hat, gewinnt ihr Leben plötzlich an Fahrt. Aus Not erfinderisch, beginnt sie mit halblegalen Aktivitäten. Sie stürzt sich sogar, Falten hin oder her, in eine neue Liebe.

Wie in Touzanis Vorgängerfilm »Das Blau des Kaftans« über das Schneiderhandwerk ist auch dieser Film auf unaufdringliche Weise sinnesfroh, zeigt die geradezu kindliche Freude an kleinen Dingen, an hautnaher Berührung, an intimer Häuslichkeit. Marías Weigerung, zu verkümmern, drückt sich darin aus, dass sie sich in jeder Lage sorgfältig die Nägel macht. So märchenhaft dieser zweite Frühling daherkommt, so ist er doch von tiefer Melancholie durchzogen. Wie lebt es sich in einem Alter, in dem man die meisten seiner Lieben nur auf dem Friedhof besuchen kann? Wie wahrt man seine Autonomie? Im merkwürdig abrupten Ende dieses Feelgood-Dramas bleiben diese Fragen offen. Doch es ist ein sympathisches Plädoyer dafür, die Gegenwart zu genießen, statt sich um die Zukunft zu sorgen.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns

Mit dieser Frage versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt