Kritik zu The Call – Leg nicht auf!

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Halle Berry führt eine bislang vernachlässigte Berufsgruppe ins Thrillerkino ein – doch Brad Anderson (»The Machinist«) macht zu wenig aus einer starken Prämisse

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»The Call« ist weit davon entfernt, den Thriller neu zu erfinden, bereichert das Genre aber um einen interessanten Protagonisten: den »911-Operator«, den Menschen in der Notrufzentrale. Für gewöhnlich ein gesichtsloser Funktionsträger, dreht sich hier alles um ihn – oder besser: um sie. Und das dramatische Potenzial dieser Berufsgruppe erweist sich dabei als so groß, dass man sich fragt, warum bislang niemand auf die Idee gekommen ist, sie ins Zentrum eines Films zu stellen.

In der Exposition veranschaulichen Regisseur Brad Anderson und Drehbuchautor Richard D'Ovidio sehr schön die enorme Bandbreite dieser Profession. Extremsituationen sind der Alltag von Jordan (Halle Berry) und ihren Kollegen. Im mit Monitoren gepflasterten Callcenter der Polizei von Los Angeles müssen sie mit enormer Ruhe und Flexibilität auf alle Arten von Notrufen reagieren; schon eine einzige Unsicherheit kann über Leben und Tod entscheiden. Ein solcher Fehler unterläuft Jordan, als sie ein junges Mädchen, in dessen Haus ein Fremder eingedrungen ist, versehentlich zurückruft: Der Klingelton gibt das Versteck des Teenagerspreis, und so hat der brutale Eindringlingleichtes Spiel. Jordan, geschockt und traumatisiert, hängt fürs Erste das Headset an den Nagel.

Ein halbes Jahr später geht die Geschichte weiter – und spielt sich nun nahezu in Echtzeit an einem einzigen Tag ab. Jordan hat sich auf die Rolle der Ausbilderin zurückgezogen und weist gerade eine Gruppe von Rookies ein, als sie plötzlich erneut einen Teenager in Not an der Strippe hat: Casey (Abigail Breslin) liegt im Kofferraum eines Wagens, kennt weder Ziel noch Identität ihres Entführers, und ihr Handy hat keine GPS-Funktion, sie ist also nicht per Satellit zu orten. So beginnt für Jordan unerwartet ein neues Gedulds- und Rätselspiel, in dessen Verlauf sie als Psychologin und Detektivin gefragt ist.

Eine durchaus starke Prämisse also, die Anderson zunächst für ein ungemein spannendes, bei aller Formelhaftigkeit doch frisch wirkendes Katz-und-Maus-Spiel nutzt. Die Identität des psychopathischen Kidnappers (Michael Eklund) ist dabei von Anfang an kein Geheimnis; eher geht es um die erstaunlichen Möglichkeiten der Zusammenarbeit, die sich zwei Frauen bieten, obwohl sie an ihrem jeweiligen Aufenthaltsort gefangen sind. Und um die zahlreichen Twists and Turns, die sich daraus ergeben, etwa wenn Casey ein Rücklicht des Autos entfernt und mit einer weißen Farbspur auf sich aufmerksam macht.

Die Konsequenz, mit der etwa »Nicht auflegen!« und »Buried – Lebend begraben« das Telefonthema verfolgten, besitzt »The Call« dabei nicht. Im mehr als unglaubwürdigen und am Ende gar ärgerlichen Schlussakt ver lässt Jordan schließlich ihren Schreibtisch und erledigt den Fall im Alleingang. Sie schafft dann in wenigen Minuten, was zuvor die geballte Streitmacht der L.A. Police nicht vollbracht hat, nämlich das Opfer aufzuspüren und den Täter auszuschalten. Die Story macht ziemlich unverschämte Anleihen bei Saw und Das Schweigen der Lämmer und verspielt mit einigen plumpen Wendungen viel von dem Kredit, den sie sich zuvor mit cleverem Entertainment erworben hat.

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