Kritik zu Beti und Amare

Trailer OmU © Aries Images

2014
Original-Titel: 
Beti und Amare
Filmstart in Deutschland: 
14.04.2016
L: 
94 Min
FSK: 
16

Andy Siege schildert in seinem No-Budget-Debüt, wie eine junge Äthiopierin 1936 vor der drohenden Zwangsverheiratung in eine Fantasiewelt flüchtet und mischt wagemutig Märchen-, Fantasy- und Horrorelemente

Bewertung: 4
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 1)

Die märchenhafte Geschichte spielt 1936 in Abessinien. Wochenschaufilme zeigen den Einmarsch der faschistischen Italiener in das spätere Äthiopien, einem der letzten afrikanischen Länder, das seinerzeit noch nicht kolonialisiert war. Die junge Beti (Hiwot Asres) flieht aus der Stadt zu ihrem Großvater (Atrsaw Wisenbet), der eine ärmliche Lehmhütte inmitten der Steppe bewohnt. Mehr Ausstattung gibt es nicht in diesem kargen Debüt, das laut Filmemacher »mit 14 000 selbst aufgebrachten Euro produziert« wurde. Fehlendes Budget kann der Regisseur, 1985 als Sohn deutscher Entwicklungshelfer in Nairobi geboren und in Tansania aufgewachsen, mit einer fantasievoll erzählten Geschichte kompensieren.

Als der Großvater seine Enkelin alleine lassen muss, ist Beti den Nachstellungen marodierender äthiopischer Milizionäre hilflos ausgesetzt. An einer Wasserstelle findet sie schließlich ein seltsames Ei, das vom Himmel gefallen ist. Heraus schlüpft ein weißer, junger Mann (Pascal Dawson), der nicht sprechen kann, von Beti halbwegs zivilisiert wird, aber weiterhin Kaninchen mit seinem raubtierartigen Gebiss reißt.

Man ahnt schon: Das Alien wird die junge Afrikanerin vor jenen Rüpeln schützen, doch Betis Rachefantasie hat es in sich. Die bewegliche Handkamera bleibt dicht an der jungen Frau. Aus dem passiven Objekt männlichen Missbrauchs wird, zumindest in ihrer Fantasie, eine ihr Schicksal in die Hand nehmende Figur, deren Gefühle und Gedanken durch eine Fülle sensibler Detailbeobachtungen wie in einem Brennglas sichtbar werden.

Trotz einer hohen Schnittfrequenz entsteht nie Hektik. Im Gegenteil. Ein kommunistisches Lied, hingesummt von der überzeugenden Laiendarstellerin Hiwot Asres, grundiert die Bilder mit einer meditativ-elegischen Stimmung. In anderen Szenen erzeugt die grandiose Musik von Alula Araya, einem eritreischen Flüchtling, eine verspielt-ironische Distanz. Durch diese Klänge gewinnt der Film ebenso wie durch die amharische Sprache (die hoffentlich nicht synchronisiert wird). Erzählt Beti als Offkommentatorin von ihrer Großmutter, die »mit ihrer Stimme Bilder malte«, dann verwebt der junge Regisseur die Tradition der oral history mit einer an YouTube-Videos orientierten Bildsprache. Den permanenten Wechsel zwischen Farbe und Schwarz-Weiß, der ein wenig an David Lynchs Frühwerk »The Grandmother« erinnert, könnte man für manieriert halten. Doch dieses Stilelement kontrastiert die objektive Erzählebene mit der traumartigen Wahrnehmung Betis. Diesen eklektizistisch anmutenden Stilmix, zu dem sich noch ein Laserschwert, ein Gewaltausbruch wie im Splatterfilm und eine Anspielung auf Christi Geburt gesellen, fügt Andy Siege irgendwie zu einem harmonischen Ganzen. Sein schillernder Do-it-Yourself-Film ist womöglich nicht jedermanns Sache. Wer sich aber auf das liebenswürdig-skurrile Vexierspiel aus Science Fiction und Ethno einlässt, dem eröffnet sich ein magisches Erlebnis, dessen Bilder und Gesänge lange im Gedächtnis bleiben.

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