Kritik zu Atlas

© Pandora Film Verleih

Die Last der anderen: Im Spielfilmdebüt von David Nawrath meint ein alternder Möbelpacker bei einer Zwangsräumung den Sohn zu erkennen, den er vor langer Zeit verlassen hat

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In der griechischen Mythologie trägt der Titan Atlas zur Strafe das Himmelsgewölbe auf seinen Schultern. Auch der menschliche Titan in David Nawraths Spielfilmdebüt hat einiges zu schleppen. Er heißt nicht Atlas, sondern Walter (Rainer Bock) und ist Möbelpacker. Viel schwerer jedoch als die Schränke, die der verschlossene Mann alltäglich vom LKW hievt, wiegen dessen persönliche Pakete. »Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Jeder lädt sich seine Last selber auf. Und jeder muss sie auch selbst tragen«, brummt er einmal weise beim Feierabendbier mit einem Arbeitskollegen.

Auch wenn Walters Gegenüber in dieser Szene in lautes Lachen ausbricht, ist das einer dieser Momente, in denen Nawraths Film unter der Last seiner Bedeutung ins Straucheln gerät. Was schade ist, denn die Idee hinter »Atlas«, für dessen Drehbuch Nawrath und Paul Salisbury für den Deutschen Drehbuchpreis nominiert waren, ist, wie vieles an dem Drama, gut und gelungen.

Im Kern erzählt »Atlas« eine Vater-Sohn-Geschichte, die durch einen bloßen Zufall losgetreten wird: Bei einer der Zwangsräumungen, auf die sich sein Chef Roland (Uwe Preuss) spezialisiert hat, landet Walter vor der Tür eines jungen Mannes (Albrecht Schuch), der als letzter Mieter mit Frau und Kind noch in dem sonst menschenleeren Haus wohnt. Der bullige Exgewichtheber meint seinen Sohn Jan zu erkennen, den er nach einem Augenblick kurzer Eskalation im Stich gelassen und seit Jahrzehnten nicht gesehen hat.

Die Begegnung ist der Auftakt für eine leise Annäherung und eine originär filmische Auseinandersetzung mit dem Thema Gentrifizierung. Mit einem Händchen für innere Spannung und einem atmosphärischen Score verdichtet Nawrath seine Geschichte und bringt Familiendrama mit Immobilien-Thriller zusammen, inklusive einem über Leichen gehenden Klan und Toten. Den filmischen Duktus passt der Regisseur an seinen stillen Helden an und erzählt gekonnt mit großer Ruhe.

Walter wird, und da sind wir wieder bei den Griechen, alle Last auf sich nehmen müssen, buchstäblich und im übertragenen Sinne. Nawrath verrät gerade so viel über seinen geheimnisvollen Eigenbrödler, dass der für Überraschungen sorgt. Etwa in einer Szene, in der sich unerwartet und roh ein Hantelgewicht und ein Kopf begegnen.

Zuweilen kommt der Film eine Spur zu mystifiziert daher. Walters Stoizismus etwa scheint nicht von dieser Welt und seine Resistenz gegen weltlichen Schmerz und Verletzungen, die jeden Normalsterblichen aus den Socken hauen würden, unglaubwürdig. Weniger wäre manchmal mehr gewesen, ebenso bei der Figur des Moussa (Roman Kanonik), der als überhöhter, eindimensionaler Antagonist herhalten muss.

Originell ist »Atlas« als symbolträchtige Erzählung über den »kleinen Mann« und die virulente Mietproblematik dennoch. Mit Rainer Bock hat Nawrath überdies einen Schauspieler an Bord, der – und diese Metapher muss jetzt einfach sein – den Film problemlos auf seinen Schultern trägt.

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