Kritik zu Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren
Eindrückliches Porträt, das die große Kinderbuchautorin als kluge Chronistin des Zweiten Weltkriegs, mutige Feministin und melancholische Frau zeigt
Astrid Lindgren ist als Schöpferin so unangepasster Figuren wie Pippi Langstrumpf, Ronja Räubertochter und Michel aus Lönneberga bekannt. Dass sie Pippis Geschichten am Krankenbett für ihre Tochter erdachte, wissen auch viele. Ebenso dass sie als 18-Jährige von ihrem 30 Jahre älteren und verheirateten Chef schwanger wurde. Astrid Lindgren gilt als kluge und liebevolle Fürsprecherin für Kinder. Wenig bekannt ist sie als hoch politischer Mensch und Chronistin des Zweiten Weltkrieges. Der deutsche Regisseur und Drehbuchautor Wilfried Hauke hat die 2015 veröffentlichten Kriegstagebücher der Autorin verfilmt – als eindrückliche Dokumentation mit szenischen Passagen.
»Es waren ungewöhnlich Zeiten«, ist gleich zu Beginn aus dem Off zu hören. Dazu Bilder einer altmodischen Schreibmaschine auf einem in Sonnenlicht getauchten Tisch, eine Frauenhand, die Zeitungsartikel ausschneidet. Hitler ist auf einem zu sehen. Die Stimme gehört Karin Nyman, der Tochter Astrid Lindgrens. Sie, Enkelin Annika Lindgren und Urenkel Johan Palmberg erinnern sich an die Frau, die sie alle drei nur Astrid nennen, stöbern gemeinsam in den Tagebüchern, versuchen, zwischen den Zeilen zu lesen, reisen an die Orte, die Lindgren so liebte und gehen auch schmerzhaften Erinnerungen im Leben der Autorin nach.
Das meiste aber erzählt Astrid Lindgren selbst durch die Schauspielerin Sofia Pekkari, die in ihre Rolle schlüpft. Vom ersten Tag des Krieges im Jahr 1939 an bis zum Ende und wenige Monate danach folgt man ihr, wie sie sich Gedanken macht, sich um die Menschen in diesem Krieg sorgt, um die Menschheit allgemein, wie sie die Russen irgendwann noch mehr fürchtet als die Deutschen, wie sie das schlechte Gewissen plagt, weil es ihr und ihrer Familie dank des guten Gehaltes ihres Mannes Sture (Tom Sommerlatte) so gut geht. Sie reflektiert über ihr Leben und das Weltgeschehen und beweist dabei immer wieder eine vorausschauende Weitsicht.
Elegant verknüpft Regisseur und Drehbuchautor Wilfried Hauke die dokumentarischen mit den oft in skandinavischer Idylle inszenierten Szenen und baut historisches Material ein, immer wenn Astrid Lindgren die Ereignisse kommentiert. Etwa als die Nazis das tschechische Dorf Lidice auslöschten oder als die britischen und amerikanischen Luftstreitkräfte in der Operation Gomorrha Hamburg bombardierten. In jedem ihrer Einträge schimmern die Sanftmut, die Menschenliebe und der unbedingte Wille durch, die Welt ein bisschen besser zu machen.
So intim viele der Einblicke auch sind, so verschlossen ist Astrid Lindgren mitunter. Am Ende steht ihre Erkenntnis, dass das persönliche Glück aus dem eigenen Inneren kommen muss. Da steht aber auch die Veröffentlichung von »Pippi Langstrumpf« an, als Erleichterung und Gegengewicht zu Jahrzehnten der Propaganda Hitlers und Stalins, mit der die Kinder bis dahin aufgewachsen waren. Es ist ein eindrückliches Porträt einer außergewöhnlichen Frau, einer mutigen Feministin, liebevollen Mutter und begnadeten Autorin, aber auch eine sehr persönliche Chronik des Zweiten Weltkriegs.






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