Kritik zu Armageddon

Trailer englisch © Touchstone Pictures

Die Offenbarung des Johannes in Kapitel 16,16 hält keine angenehmen Aussichten für die Menschheit bereit. An dem Ort Armageddon versammeln sich danach die gottfeindlichen Mächte zum letzten großen Kampf. Von Blitzen, Donner und einem schrecklichen Erdbeben ist die dramatische Rede, Inseln und Berge verschwinden, und vom Himmel regnet es riesige Hagelkörner. Mit einem Wort: ein Szenario wie aus einem Film des Hollywood-Produzenten Jerry Bruckheimer (»Con Air«)

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Bruckheimer und Regisseur Michael Bay haben die Worte aus der Bibel ins Kino-Idiom der Gegenwart übersetzt. Armageddon schickt einen Asteroiden, so groß wie Texas, mit einer Geschwindigkeit von 40.000 Kilometern auf Kollisionskurs mit Mutter Erde. In nur 18 Tagen wird die Materie aus dem All, ein "Global Killer", wie es im Fachjargon heißt, den Planeten erreicht haben. Grad der Zerstörung? "Total", prognostiziert der Fachmann von der Nasa.

Indes, der Menschheit bleibt ein Funken Hoffnung. Ein Team soll sich auf den Weg ins All machen, auf dem Asteroiden landen, ein tiefes Loch bohren, einen nuklearen Sprengkopf zünden und so die extraterrestrische Wurfsendung vom Kurs abbringen. Die Idee ist nicht neu, ihr Patent besitzt Mimi Leder, die Regisseurin des erfolgreichen Asteroid-bedroht-Erde-Films Deep Impact. Für Bays Variation des Themas hat sich gleich eine sechsköpfige Kreativabteilung engagiert: Jonathan Hensleigh und J.J. Abrams (Drehbuch), Robert Roy Pool und Jonathan Hensleigh (Idee), Tony Gilroy und Shane Salerno (Adaption). Sie haben die Versatzstücke des Genres routiniert montiert, ohne narrativen Ehrgeiz zu entwickeln. Anders als Deep Impact speisen sich Dramatik und Spannung in erster Linie aus Explosionen, nicht aus Implosionen. Die äußere Bedrohung spiegelt sich nicht im Schicksal der Figuren, sie bleiben blaß schraffierte Wesen, Klischees auf zwei Beinen.

Bruce Willis als Harry Stamper obliegt es, die Welt zu retten. Der beste Ölbohrer der Welt versammelt eine skurrile, alles andere als Vertrauen einflößende Mannschaft um sich, die den Job erledigen soll. In ihnen spiegelt sich heldenhafter Machismo, humoriger Zynismus und eine große Begabung für sentimentale Posen. Stamper sorgt sich um seine von Liv Tyler gespielte Tochter mit einem fast schon unfreiwillig komischen puritanischen Furor, doch sie will nicht vom Partner ihres Vaters, A.J. (Ben Affleck), lassen. Ihren Abschied inszeniert Michael Bay als Kitsch-Apotheose: zwei Liebende vor Sonnenuntergang und als einziger Zeuge der BMW Z 3.

Dies ist das süßliche Andante in Michael Bays Katastrophensinfonie. Danach nähern sich die Männer - in heldenhafter Zeitlupe - ihrer historischen Aufgabe. John Schwartzmans Kamera nimmt beim Start des ins All entsandten Shuttle endzeitlich anmutende Wolkenkonfigurationen auf, ein kurzer Augenblick der Poesie in dieser Schlacht der Spezialeffekte. Die, immerhin, weisen weit über das hinaus, was Deep Impact vorgelegt hat.

Blut, Schweiß und Tränen begleiten den Weg der Menschheitsretter, auf dem sie, die Sache verlangt's, ein russischer Weltraumarbeiter begleitet; Peter Stormare gibt ihn wie einen Mann von der Mir-Mission. Mag darüber hinaus auch Steve Buscemi als Rockhound eine bizarre Weltraum-Dementia entwickeln, die Komik geht unter im anschwellenden Untergangspathos der Bilder und der Musik; ein apokalyptischer Sängerbund begleitet das Geschehen in düsterem Murmelgesang. Selten sind Begriffe wie Heldentum, Freiheit und Unabhängigkeit so aufreizend plakativ illustriert worden. Fast scheint der Film Gefallen an der von ihm vermittelten These zu finden, daß eine geeinte, friedliche Gemeinschaft der Menschen nur durch Katastrophen zu haben sei.

»Armageddon«, der Mittelteil des Desaster-Triptychons dieses Sommers – zwischen »Deep Impact« und »Godzilla« – hat bei den amerikanischen Kritikern wenig Anklang gefunden, wohl aber beim Publikum. In den ersten fünf Tagen spielte der bisher teuerste Disney-Film 52,9 Millionen Dollar ein, ein Viertel seiner Produktions- und Werbekosten: ein gutes Geschäft mit dem Untergang der Welt

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