Kritik zu Aquarela

© Neue Visionen Filmverleih

Ein Dokumentarfilm, der mit besonderer Aufnahmetechnik das Wasser zur Hauptfigur macht und es sprechen lässt, ohne viel zu sagen. Hier werden Bilder zur persönlichen Erfahrung

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Natürlich wissen wir alle, was Wasser ist. Die meisten kennen sogar seine chemische Formel. Wir sprechen selbstbewusst über die Bedeutung von Wasser für unser Überleben, über Wasserpolitik, den globalen Wassermangel und die Veränderung des Wassers im Klimawandel. Wir glauben, die Kraft des Wassers zu kennen, aber wirklich gespürt haben sie nur wenige. »Aquarela« macht Wasser erfahrbar, weil der Film nicht über Wasser redet, sondern dieses geheimnisvolle Element zur Hauptfigur erhebt. Er lässt das Wasser mit den ihm eigenen Ausdrucksmitteln sprechen. Mal knarrend, mal klirrend, mal glucksend, mal pfeifend, mal dröhnend und dann auch mal plätschernd. Es geht dem russischen Filmemacher Viktor Kossakovsky nicht darum, etwas zu erklären. Tatsächlich hat man das Gefühl, dass man überhaupt nichts mehr über Wasser weiß, wenn der Film zu Ende ist. Es ist eine fast magische Erfahrung, auf die man sich einlassen muss. Und dann ist dieser eigenwillige Dokumentarfilm auch ein Beleg dafür, dass solche Filme ins Kino gehören, auf die große Leinwand und nicht ins Fernsehen.

»Aquarela« beginnt mit einer Tragödie. Auf dem Baikalsee in Sibirien taut das Eis drei Wochen zu früh. Wir hören die warnenden Geräusche und wissen doch nicht, was sie bedeuten. Autos, die sorglos über die Eisfläche fahren, brechen ein, eins nach dem anderen. Menschen müssen gerettet werden, einer ertrinkt. Doch der Film hält sich mit dem menschlichen Schicksal nicht auf; er zieht weiter, zeigt Eisberge vor Grönland, die kalben und zerbrechen, ins Meer hinaustreiben und dort zu Monumenten ihrer eigenen Ästhetik werden. Sieben Länder bereist Kossakovsky, um die Erscheinungsformen des Wassers zu erkunden, Russland, Grönland, Schottland, Mexiko, Venezuela, Portugal und die USA. Er filmt die tödliche Wellenkraft des Hurrikans Irma in Miami und findet dann Ruhe in der überwältigenden Naturkulisse des weltweit höchsten Wasserfalls, dem Salto Ángel in Venezuela. Die lichten Wolken, die schließlich auch nur aus Wasser bestehen, von einem Regenbogen durchzogen, sind jenseits des Kitschs ein abschließendes Bild von unglaublicher Friedfertigkeit.

Nach dem emotionalen Anfang passiert nicht viel in diesem Film. Welle folgt auf Welle, Eisberg auf Eisberg. Doch die Bilder gleichen sich nur scheinbar. In keiner Sekunde ist das Wasser so wie zuvor. In der immerwährenden Bewegung bilden sich Muster, Flächen und einzigartige Assoziationsketten. Der fast wortlose Film wird zum Medium der eigenen Vorstellungskraft und trotz der sich wiederholenden Bewegungen nie langweilig. Die gefährlichen Momente tragen gleichzeitig ästhetisch aufwühlende Emotionen, das Schöne dominiert das Zerstörerische.

Das liegt auch an einem besonderen Aufnahmeverfahren. Viktor Kossakovsky hat seinen Film statt in 24 in 96 Bildern pro Sekunde gedreht. Dadurch erreicht er eine extreme Stabilität, kann die Kamera über dem Wasser schnell bewegen, ohne dass es zu Wacklern kommt oder die Szene holprig wird. So entsteht ein einzigartiges Bildgewebe. Gewidmet hat er den Film übrigens einem großen der russischen Filmkünstler, Alexander Sokurow.

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