Kritik zu Andor Hirsch

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László Nemes erzählt in seinem dritten Spielfilm von einem jüdischen Jungen, der im Ungarn der späten 1950er Jahre seine Identität sucht. Ein persönliches Familiendrama, das sich zur Parabel über Herkunft, Trauma und Überleben im Nachkriegseuropa weitet.

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Ein Junge spricht im Keller mit einem Heizkessel. Er flüstert ihm Fragen zu, als könne aus dem dumpfen Dröhnen eine Antwort steigen. Es ist eine sich wiederholende Szene, die eindrucksvoll bündelt, worum sich der dritte Spielfilm des ungarischen Regisseurs László Nemes dreht: Verlust, Fantasie, Trotz und die verzweifelte Sehnsucht nach einer Ordnung in einer Welt, die längst zerfallen ist.

Andor Hirsch führt zurück ins Budapest der späten 1950er Jahre, in die Nachwehen von Krieg, Holocaust und niedergeschlagenem Volksaufstand. Andor (Bojtorján Barabas), ein jüdischer Junge, wächst mit der Gewissheit auf, dass sein Vater im Lager ermordet wurde. Aus den Erzählungen der Mutter (Hermina Fátyol) formt er sich ein Idol: einen guten, gerechten Mann, an dem er seine eigene Identität festmacht. Diese fragile Konstruktion gerät ins Wanken, als ein grobschlächtiger Metzger (Grégory Gadebois) auftaucht und behauptet, der wirkliche Vater zu sein. Der Mann hat die Mutter während des Krieges versteckt – gegen einen Preis, der sich nur andeuten lässt. Für Andor bricht damit nicht nur ein Familienbild zusammen, sondern ein ganzes moralisches Koordinatensystem.

Nemes erzählt diese Geschichte konsequent aus der Perspektive des Kindes, ohne sich in die radikale Subjektivität seiner früheren Filme, des oscarprämierten Holocaustdramas »Son of Saul« (2015) und des in der K.-u.-k.-Monarchie angesiedelten »Sunset« (2018), zurückzuziehen. Die Kamera beobachtet, hält Abstand, lässt Räume entstehen. Und doch bleibt die Welt klaustrophobisch mit engen Bildausschnitten, verschmutzten Fenstern und fragmentierten Sichtachsen. Budapest erscheint als Ort zwischen Ruine und Provisorium, ein historischer Schwebezustand, in dem die Gewalt des 20. Jahrhunderts weiterarbeitet. Biografisch ist das Projekt tief verankert. Nemes greift auf die Kindheit seines Vaters zurück und verwebt persönliche Erinnerung mit kollektiver Erfahrung. Dabei geht es nicht um Rekonstruktion, sondern um die Frage, wie Geschichte sich in Körper und Beziehungen einschreibt. Der Vater wird zur Projektionsfläche für jüdische Identität nach der Schoah, für Schuld, für Anpassung in einer neuen politischen Ordnung. Die ­Figur des Metzgers bündelt diese Ambivalenz als Retter und Täter, Versorger und Bedrohung zugleich.

Formal bleibt Nemes seiner Handschrift weitgehend treu. Er dreht auf 35 mm, matte Sepiatöne dominieren, die jede Einstellung wie eine gealterte Fotografie wirken lassen. Die Räume sind übervoll mit Gebrauchs­spuren, Stoffe hängen schwer, in den Straßen liegt noch Staub, in den Fenstern ein milchiger Schleier. Der Ton arbeitet gegen die Bilder, Sirenen ziehen sich wie Nervenstränge durch die Szenen, Alltagsgeräusche werden zu latenter Bedrohung.

Doch diese Präzision hat ihren Preis. ­»Andor Hirsch« wirkt streckenweise überkonstruiert, die Inszenierung hält die Figuren auf Distanz. Die Erzählung tastet sich lange voran, ohne wirklich zu packen. Erst im letzten Drittel verdichten sich die Motive, Andors Wut, die politische Paranoia, die familiären Lügen, und der Film entfaltet einen eigentümlichen Sog.

Das jüdische Leben erscheint dabei als fragile Insel in einer feindseligen Umgebung. Antisemitismus ist präsent, offen oder unterschwellig. Zugleich zeigt Nemes, wie sehr Überleben Kompromisse verlangt. Andors Mutter handelt pragmatisch, ihr Blick gilt der Gegenwart, nicht der Erinnerung. Für den Sohn wird genau das zum Verrat.

Am Ende steht ein Riesenrad. Kreislauf, Wiederholung, Stillstand in Bewegung. Die Unmöglichkeit, Geschichte hinter sich zu lassen. »Andor Hirsch« ist der Abschluss einer Trilogie, seinem Thema bleibt Nemes dennoch treu. Nach der Premiere vergangenen Herbst in Venedig läuft nun bereits sein nächster Film im Wettbewerb von Cannes. »Moulin« widmet sich Jean Moulin, einer Schlüsselfigur der französischen Résistance.

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