Kritik zu Ammonite

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Francis Lee (»God's Own Country«) erzählt in seinem neuen Film eine lesbische Liebesgeschichte mit Kate Winslet und Saoirse Ronan 

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Genau wie die Coming-out-Geschichten junger Männer sind auch Liebesgeschichten zwischen Frauen in historischen Settings ein fester Bestandteil des queeren Kinos. Fast könnte man – mit Blick auf »Carol«, »The Favourite«, »Vita & Virginia«, »Elisa y Marcela«, »The World to Come« oder »Porträt einer jungen Frau in Flammen« – sogar den Eindruck gewinnen, dass von Lesben auf der Leinwand bevorzugt dann erzählt wird, wenn sie Kostüme von früher tragen. Nun reiht sich auch »Ammonite« von Francis Lee in diese Liste ein – und ist doch in vieler Hinsicht ganz anders als die genannten Titel.

Im Zentrum der fiktiven, nur sehr lose auf historischen Fakten basierenden Geschichte steht eine Frau, die es wirklich gegeben hat. Die Fossiliensammlerin Mary Anning lebte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Örtchen Lyme Regis an der rauen englischen Südküste. Dank wichtiger, großer Funde gilt sie heute als bedeutendste Paläontologin ihrer Zeit, doch damals wurde ihr aufgrund ihres Geschlechts und ihrer Herkunft aus einfachen Verhältnissen Anerkennung größtenteils verwehrt, und sie verbrachte ihr Leben in Armut. Kate Winslet spielt Anning nicht verbittert, aber doch von der Härte des Lebens gezeichnet, als Frau, der Leichtigkeit und das Lachen fehlen, aber nicht die Leidenschaft für das, was sie tut.

Wenn Mary nicht zwischen den Felsen und Steinen am Strand nach Fossilien sucht, verkauft sie ihre Funde in einem kleinen Laden und kümmert sich um ihre kränkelnde Mutter (Gemma Jones). Doch die Routine dieses kargen Alltags wird aufgebrochen, als eines Tages der wohlhabende Londoner Geologe Murchinson (James McArdle) mit seiner Frau Charlotte (Saoirse Ronan) in Lyme Regis auftaucht. Er bezahlt Mary nicht nur für eine gemeinsame Exkursion, sondern auch dafür, sich einige Wochen um seine »melancholische« Gattin zu kümmern, während er Europa bereist. Von sozialem Status übers Alter bis hin zu ihren Persönlichkeiten haben die beiden Frauen eigentlich nichts gemeinsam, doch nach anfänglichem Schweigen kommen sie sich schließlich immer näher.

Wie schon in seinem grandiosen Debüt »God's Own Country« erzählt Lee hier mit Hilfe eindrucksvoller Aufnahmen schroffer Natur davon, wie wortkarge Einsamkeit durch die Ankunft einer fremden Person aufgebrochen wird. Doch »Ammonite« ist als Film noch spröder und sperriger, die von Winslet einmal mehr überwältigend gespielte Protagonistin noch unzugänglicher. Von den eingangs erwähnten Kostümfilmen unterscheidet er sich nicht zuletzt dadurch, dass hier eben nicht darauf gesetzt wird, das Publikum mit großen Gefühlen mitzureißen. Was nicht heißt, dass sich – wenn einmal freigeklopft wie ein versteinertes Skelett – im Kern nicht auch ein wunderbar feinsinniger und sinnlicher Blick auf Liebe und Lust (samt expliziter Sexszenen) finden lässt, der nebenbei sehr präzise auch von Klassenunterschieden und der Rolle der Frau im 19. Jahrhundert erzählt. Und das Ganze übrigens ohne das tragische Ende, das in diesem Genre sonst eigentlich Standard ist.

Meinung zum Thema

Kommentare

sehr schöne bilder, aber zu den kostümen schlecht recherchiert. man wollte wohl zeigen, dass die dame aus der stadt andere kleider trägt als die in lyme regis, aber sie wäre nie in einem BALLKLEID an den strand gegangen

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