Kritik zu American Hustle

© Tobis

In seinem dritten Film über das Neuerfinden gebeutelter Existenzen nach »The Fighter« und »Silver Linings Playbook« konstruiert David O. Russell mit erlesenem Cast ein schillernd doppelbödiges Betrugsspiel

Bewertung: 5
Leserbewertung
3.75
3.8 (Stimmen: 8)

Kaum zu glauben: Das soll der Mann sein, der den perfektionistischen »Dark Knight« spielte? Den ausgemergelten Kriegsgefangenen Dieter Deng­ler in »Rescue Dawn«? Den ausgezehrten Maschinisten Trevor Reznik? Den arrogant selbstgefälligen »American Psycho« Patrick Bateman? Jetzt also Irving Rosenfeld, Besitzer einer Kette von Reinigungen in New York, ein feister Typ mit speckig geröteter Haut und lautem Auftreten, mit einer dicken Wampe, über der sich die Knöpfe seiner hässlich gestreiften Hemden mit großen Krägen spannen. Gewiss kein Traummann, aber mit unwiderstehlichem Selbstvertrauen ausgestattet, das beim Arrangement diverser Trickbetrügereien mit Geldanleihen und gefälschten Bildern sein Kapital ist.

»American Hustle« (2013). © Tobis

Man muss gesehen haben, wie Christian Bale in der ersten Szene vor dem Spiegel ein struppiges Toupet auf seinen kahlen Oberschädel klebt, um dann die langen Seitenhaare darüberzulegen, bevor er den merkwürdigen Aufbau mit einem dicken Haarspraystoß festzementiert. David O. Russell liebt es, Schauspieler gegen die Erwartungen zu besetzen, weshalb beispielsweise Mark Wahlberg in »I Heart Huckabees« auch als Umweltschützer mit dem Fahrrad durch Downtown Los Angeles fuhr. So zwingt er seine Darsteller, sich noch mehr als üblich selbst neu zu erfinden, und genau darum geht es in seinem neuesten Film, den man allemal als Anleitung zum kreativen Umgang mit der aktuellen Rezession verstehen könnte: Not macht erfinderisch und zündet allerlei Ideen, wie man trickreich trotzdem an Geld kommt.

»American Hustle« (2013). © Tobis

Als Regisseur ist natürlich auch David O. Russell ein notorischer Trickbetrüger, der filmische Wirklichkeiten auf die Leinwand zaubert, und wie seine Helden hat auch er sich als Filmemacher gewissermaßen neu erfunden, nach der sechsjährigen kreativen Pause, die auf »I Heart Huckabees« folgte. Im Vergleich zu den mit exzentrischen Einfällen gespickten früheren Filmen wie »Flirting with Disaster« oder »Three Kings« setzt er jetzt stärker auf den Flow einer Geschichte und auf das komplexe Gefühlsleben seiner Figuren. Überrascht habe er festgestellt, dass er Romantiker sei, erzählt er von sich, und schenkt seinem Helden einen zarten Moment des Liebeserkennens: »Bei ihr hatte ich das Gefühl, ganz ohne Scham wirklich ich selbst sein zu können.« Wie in »Fighter« und »Silver Linings Playbook« geht es auch hier ums Überleben in schwierigen Zeiten und um die Neuerfindung danach. Mit der zentralen Besetzung dieser beiden Filme entwirft Russell jetzt ein sehr viel weiter gestecktes Szenario. Lose basiert »American Hus­tle« auf der realen Geschichte des sogenannten »Abscam«-Skandals Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre, als das FBI verschärft gegen Korruption in der Politik vorging und zu diesem Zweck auch einen Trickbetrüger anheuerte. Es ist dieselbe Zeit, in der auch Ben Afflecks »Argo« spielt, in dem die CIA eine Gruppe von Botschaftsgeiseln nach dem Sturz des Schahs aus Iran herausschmuggelte, unter dem Deckmantel einer fiktiven Filmproduktion, die mit Hollywood-Unterstützung auf die Beine gestellt wurde. Agenten hatten in diesen Zeiten scheinbar einen Hang zu den luftigen Mitteln von Trick und Illusion, von Manipulation und Zauberei, ganz analog natürlich, weshalb David O. Russell auch auf kostbarem Zelluloid gedreht hat. Beherzt verwandelt er sich die reale Geschichte an, als flirrendes Spiel mit Schein und Sein, mit Rolle und Realität, wobei er die schillernden Figuren in enger Zusammenarbeit mit den Schauspielern erarbeitete und dabei weitere Schichten von Wirklichkeit einfließen ließ.

»American Hustle« (2013). © Tobis

Mit enormer Lust an Maske und Verkleidung entfesseln die Schauspieler da ein Spiel mit doppeltem und dreifachem Boden, denn fast jeder gibt vor, jemand anderes zu sein, als er ist: Die junge, attraktive Exstripperin Sydney Prosser (Amy Adams) geriert sich als englische Lady mit Verbindungen zur Londoner Finanzwelt. Der verbissen ehrgeizige FBI-Agent Richie DiMaso (Bradley Cooper) gibt sich als Kunde in Geldnot aus, um Irving und Sydney zur Mitarbeit zu zwingen. Als Lockvögel sollen sie schließlich den möglicherweise korrupten Bürgermeister Carmine Polito (Jeremy Renner) überführen, der in Wirklichkeit vielleicht der anständigste Mann des ver­schlungenen Plots ist.

»American Hustle« (2013). © Tobis

Bei dem fingierten Geschäft, das sie aufwendig arrangieren, kommen noch mehrere Mafiosi ins Spiel (darunter Robert De Niro in einem Cameo-Auftritt als legendärer Casino­besitzer Victor Tellegio), ein arabischer Scheich, der in Wirklichkeit ein mexikanischer FBI-Mann ist (Michael Peña), und Jennifer Lawrence als Rosenfelds auf Long Island zurückgelassene Ehefrau, die auf einem hinreißend schmalen Grat zwischen Glamour und Vulgarität balanciert, wofür sie gerade einen Golden Globe für die beste Nebendarstellerin in Musical oder Comedy gewonnen hat. Mit lustvollem Vergnügen perfektionieren die Schauspieler das Spiel mit Maske und Kostüm, Geste und Mimik: Amy Adams schlüpft in rund 50 verschiedene glamouröse Outfits, mit meist sehr freizügigem Dekolleté, das sie mit einem unschuldigen Lächeln dekoriert. Jeremy Renner trägt mit feister »Mir-gehört-die-Welt-Attitüde« eine hochtoupierte Haartolle zur Schau, Bradley Cooper laboriert mit unzähligen, winzigen Dauerwell-Lockenwicklern und Jennifer Lawrence trägt zwischen Long-Island-Küche und Manhattan-High-Society eine kunstvoll konstruierte Lockenhochfrisur spazieren. Doch der knallige, äußere Seventies-Schein ist nur Fassade, unter der viel Raum ist für verletzliche Gefühle, eine unschlagbare Mischung, mit der David O. Russell den Oscar-Run fortsetzt, auf dem er sich seit »The Fighter« befindet.

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Kommentare

Eine FSK von 6 Jahren und im Trailer ist ein direkter Kopfschuss zu sehen ? Hat da jemand geschlafen oder floss da vielleicht ... ?

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