Kritik zu Almost Heaven

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Heike Makatsch träumt den Country-Blues

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So manchem Rock-Liebhaber ist Country erst einmal verdächtig: eingängige Melodien, simple Harmonien, Texte, die von Liebe und Heimat erzählen. Anstößiges, Sozialkritisches gar wird man hier nur selten hören - auch wenn Gruppen wie die "Nitty Gritty Dirt Band" mit ihrer "interpretatorischen Vielfalt und personellen Authentizität" (Barry Graves) die berühmte Ausnahme von der Regel sind. Country-Songs sind Lieder "von Menschen, über Menschen, für Menschen im Bermuda-Dreieck von Bar, Bett und Baseballplatz - der Blues der einfachen weißen Leute", stand einmal in der "Zeit" zu lesen. Sie lösen eine diffuse Sehnsucht aus nach dem wahren, einfachen Leben, nach einer heilen Welt.

Auch Helen (Heike Makatsch), mit Cowboy-Stiefeln, Stetson und Gitarre schon äußerlich als leidenschaftliche Country-Sängerin kenntlich, würde der Realität am liebsten entfliehen. Blass und zierlich schwebt sie wie eine Schlafwandlerin durch den Film. Die Ärzte geben ihr nur noch wenige Monate zu leben. Und so gerät Helens größter Traum zur Obsession: einmal im Bluebird Café in Nashville, dem Mekka der Countrymusik, auftreten. Ohne Wissen ihres Mannes (Wotan Wilke Möhring) büxt die todkranke Frau aus dem Krankenhaus aus. Doch dann - ein falsches Flugzeug, und Helen landet statt in Nashville in Kingston, Jamaika.

Das Roadmovie nimmt seinen Lauf. Als Auslöser für Helens "Reise zu sich selbst" fungiert eine einheimische Trickbetrügerin, die von Nikki Amuka-Bird in einer Mischung aus Schlitzohrigkeit und Verletzlichkeit dargestellt wird. Eine Antagonistin par excellence, in der sich Helen mit all ihren Stärken und Schwächen spiegelt. Das Erzählprinzip von Regisseur und Co-Drehbuchautor Ed Herzog beruht darauf, überdeutliche Gegensatzpaare zu formulieren, die mehr als einmal die Grenze zum Klischee überschreiten: spießige Countrymusik kontra coolen Reggae, deutsche Ernsthaftigkeit kontra jamaikanische Lebensfreude, Weltfremdheit gegen Pragmatismus. Aus dieser behaupteten Dualität soll der Film sein Spannungsfeld beziehen - vergeblich.

Almost Heaven ist immer dann am besten, wenn die Kamera von Sebastian Edschmid wie zufällig den Alltag der Bewohner, in einem Ghetto etwa oder am Busbahnhof, einfängt. Dieser Einbruch des Dokumentarischen ist dem Zwang zur Improvisation geschuldet und bewahrt den Film immerhin vor kitschigen Postkartenbildern. Vom grimmigen Realismus eines The Harder They Come, den Herzog als Vorbild nennt, ist Almost Heaven allerdings meilenweit entfernt. Wie könnte es auch anders sein: Sogar die Taxifahrer in Kingston sprechen lupenreines Hochdeutsch.

Am Schluss hat Helen ihr Ziel aus den Augen verloren. Warum einem Traum hinterherjagen, wenn man im Hier und Jetzt leben kann - so die einfach gestrickte Quintessenz. Die gegensätzlichen Welten verschmelzen, zu einer neuen, anderen Qualität, auch musikalisch: "Country Roads", mit Reggae-Rhythmen unterlegt, hat gleich mehr Pepp.

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