Kritik zu Alles gut

© Rise and Shine Cinema

2016
Original-Titel: 
Alles gut
Filmstart in Deutschland: 
23.03.2017
R: 
B: 
K: 
Musik: 
L: 
95 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Dokumentarfilmerin Pia Lenz begleitet die Ankunft und die ersten Monate von zwei Familien in einer Hamburger Flüchtlingsunterkunft und gibt interessante Einblicke in die Spannung zwischen Behörden- und Integrationsalltag 

Bewertung: 3
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Der Anflug per Drohne ist mittlerweile ein Standardanfang im Dokumentarfilm. Auch »Alles gut« beginnt mit solch einer Anpirsch aus der Luft hinunter in eine Ansammlung locker verstreuter Gebäude mit Spielplatz und vielen Freiflächen im Grün: Die Containersiedlung ist eine Flüchtlingsunterkunft im Hamburger Westen. Zwei der hier wohnenden Kinder und ihre Familien aus Mazedonien und Syrien stehen auch im Fokus dieses Films. Djaner ist mit einem älteren Bruder und seiner alleinerziehenden Mutter unter viel Strapazen vor der Roma-Diskriminierung aus Mazedonien geflohen und wird gerade in die zweite Klasse einer regulären Grundschule aufgenommen. Ghofran ist schon fast in der Pubertät und eines von vier Kindern einer syrischen Familie, die nach eifrigen Bemühungen und viel Warten ihres Vaters im Rahmen des Familiennachzugs mit ihrer Mutter auf dem Hamburger Flughafen ankommen.

Aus Ghofrans Körperhaltung und dem Gesicht in ihrem Kopftuch spricht deutlich die Ablehnung der neuen Umgebung und der in ihr herrschenden unsittlichen Gebräuche. Dem Heimweh setzt sie heimische Rapmusik aus dem Handy entgegen. Djaner wird von Lehrern und Mitschülern geschätzt und gefördert, doch die schwierige und unsichere Situation der Familie schlägt sich deutlich in seinem Verhalten nieder. Und während Ghofran gegen ihren Widerstand dann doch langsam emotional in der neuen Umgebung ankommt, muss Djaner eines Tages die Schule ganz abbrechen, weil die Mutter ihre Familie vor einer drohenden Abschiebung versteckt. Parallel zum Weg der Kinder begleitet der Film auch die Bemühungen ihrer Eltern um Hilfe bei Behörden, Schule und Beratungsstellen und Vater Abdels verzweifelt-vergebliche Suche nach Arbeit und einer Wohnung.

Der erste Kinofilm über Integration in Deutschland, wie die Werbung vollmundig behauptet, ist »Alles gut« selbstverständlich – und zum Glück – nicht. Doch er ist einer der wenigen, die es auch (ganz offiziell) ins Innere einer Flüchtlingsunterkunft schafften, und kann so einen besonders intimen und vielschichtigen Eindruck von der schwierigen Situation zwischen institutionell geprägtem Umfeld und ersten Schritten in die Selbstständigkeit geben. Schade nur, dass der übertriebene und vermutlich aus der früheren journalistischen Arbeit von Filmemacherin Pia Lenz herrührende Einsatz von Infoelementen wie Alters-, Funktions- und Namensangaben und atmosphärisch dräuender Musik (The Notwist) den dokumentarischen Flow zu oft bricht.

Das große Manko des Films aber kommt aus seiner Qualität. Denn »Alles gut« endet einfach zu früh; ein Jahr filmischer Begleitung ist in dieser prekär angespannten Situation zu kurz. Dass man von späteren dramatischen Ereignissen um Djaners Familie erst in einigen Schrifttafeln vor dem Abspann liest, war vermutlich drehtechnisch unvermeidlich. Doch die Ankunft von Ghofran und ihrer Familie im außerinstitutionellen deutschen Alltag und auch in einer vielleicht doch irgendwann kommenden eigenen Wohnung hätte man sich noch als Teil des Films gewünscht. Oder ist das nur unsere Sehnsucht nach einem Happy End, das in der Realität trotz des Titels ausbleibt?

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