Kritik zu This ain't California

© Farbfilm

2011
Original-Titel: 
This ain't California
Filmstart in Deutschland: 
16.08.2012
L: 
90 Min
FSK: 
12

»Dogtown« made in the DDR? Marten Persiel schildert in seinem Dokumentarfilm die Skaterszene in der DDR – mit einer irritierenden Mischung aus Archiv- und inszenierten Aufnahmen

Bewertung: 3
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Man geht ein Stück des Weges gemeinsam und driftet dann auseinander, bis man eines Tages betroffen vom Tod des anderen hört: So erging es den Freunden, als sie vom Soldatentod ihres Skaterkumpels Denis »Panik« Paracek in Kundus hörten. Wie geht das zusammen, die rigide Strenge des Soldatenlebens und der Junge, der keine Autoritäten gelten ließ, der mitten in der DDR, zwischen Plattenbauten und am Fuße des Berliner Alexanderturms, mit dem »Rollbrett« die große Freiheit zelebrierte, der mit Pirouetten und Schwüngen aus der zackigen Marschkultur des Arbeiter- und Bauernstaates ausscherte?

So wie einst in Lawrence Kasdans Der grosse Frust ist auch hier der Tod der Katalysator für ein Wiedervereinigungstreffen der alten Freunde. Statt Trübsal zu blasen, versammeln sie sich in einem Abbruchhaus am Lagerfeuer und lassen die alten Zeiten wieder auferstehen, rekapitulieren die Ereignisse von damals, als eine simple Holzstuhlsitzfläche, unter die Rollschuhräder geschraubt wurden, der zarte Keim war, aus dem sich eine lebendige Subkultur entwickelte. Aus verblichenen Fotos und Super-8 Filmen entsteht das Bild einer verlorenen Zeit, schwarz-weiße Animationen im Stil von Waltz with Bashir illustrieren die Legende vom unangepassten jungen Wilden. Über die private Erinnerungsarbeit eröffnet sich da plötzlich ein Blick auf ein kaum bekanntes DDR-Phänomen, eine Art Dogtown and Z-Boys made in the GDR. Unter dem Radar der Staatssicherheit entwickelte sich da eine vitale Skaterszene, bevor sie zur Volksbewegung wurde und dann doch noch einem kläglichen Versuch der staatlichen Instrumentalisierung unterzogen wurde. Mit Sehnsüchten und Begehrlichkeiten nach dem amerikanischen Abenteuer der Freiheit habe das natürlich nichts zu tun gehabt: Gib einem Kind irgendwas mit Rollen darunter, und es wird ganz von alleine loszischen . . .

Ein wenig irreführend mutet es allerdings an, wenn im Film einer der Protagonisten erläutert, wie er damals zu einer Kamera und begehrtem Filmmaterial gekommen und fortan zum Chronisten der Bewegung geworden sei, man dann aber feststellen muss, dass die angeblichen Zeitdokumente pseudodokumentarisch nachgestellt wurden, mit dem Schauspieler und Skater Kai Hillebrand in der Rolle des Panik. Plötzlich wackelt die ganze Konstruktion des Filmes, und man denkt daran, wie kokett DDR-Wirklichkeit in Good bye, Lenin! nachgestellt wurde. Plötzlich schleichen sich auch Zweifel ein über die Authentizität der Gespräche am Lagerfeuer, plötzlich wittert man Ungereimtheiten: Gab es sie wirklich, die Rollbrett fahrenden Volksmassen auf den Straßen der DDR? Auf der Website zum Film ist von Originalausschnitten die Rede, aber im Team werden auch Ausstatter, Casting Director, Kostümbildner und Maskenbildner genannt, und auf Nachfrage von Deutschlandradio spricht der Produzent Michael Schöbel vage von »dokumentarischer Erzählung«. Die Grenzen zwischen Dokumentarfilm und Fiktion verwässern in This ain’t California, der in seinem kreativen Umgang mit der Wirklichkeit vielleicht am ehesten mit einem Musikvideo zu vergleichen ist – das ist auch der Bereich, in dem ein großer Teil der früheren Skater tätig ist.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns