Kritik zu Agora – Die Säulen des Himmels

© Tobis

Mehr als eine Zeitreise: Alejandro Amenábars neuer Film führt ins Alexandria des Jahres 391 und erneuert gleichzeitig das Monumentalfilmgenre

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Gerade noch die Enge des Blicks von einem Querschnittgelähmten in Das Meer in mir, jetzt die ausschweifende Weite des Blicks über die grandiosen Bauten von Alexandria: Wie in seinen bisherigen Filmen »Abre los Ojos«, »The Others« und »Das Meer in mir« erschafft Alejandro Amenábar auch hier wieder eine in sich geschlossene Welt. Der Vergangenheit nähert er sich dabei mit einem sehr modernen Blick. Ganz unmittelbar mischt er sich unter die debattierenden Philosophen und konkurrierenden Lager der Heiden, der Juden und der militant christlichen Parabolani, lässt sich mitreißen wie ein berichtendes Fernsehteam, in gleitenden Kamerafahrten und mit intimer Handkamera. Immer wieder sucht er dabei auch eine in diesem Genre ungewohnt große Distanz, indem er in einer Zeit, in der es noch keine Flugzeuge oder Raketen gab, den Blick von der Weite des Alls auf die kleine Erde wagt: So wichtig sich die Menschen da auch nehmen, schrumpfen sie doch im großen Ganzen auf das unbedeutende Nichts einer Ameise. Allein dieser irritierende und relativierende Wechsel der Perspektive verleiht »Agora« eine ganz eigenartige Aura.

Entsprechend wird die Geschichte ganz untypisch für die Zeit aus der Perspektive einer weiblichen Heldin erzählt, die das episch historische Drama mit intimen Momenten ausbalanciert. Hypatia ist eine Wissenschaftlerin, die sich mit Mathematik und Astronomie beschäftigt, also mit der Stellung des Menschen im großen Weltengefüge. Dieser, einer historischen Gestalt nachempfundenen Ausnahmefrau, verleiht Rachel Weisz ihre ganz besondere Mischung aus Selbstbewusstsein, Intelligenz und Sinnlichkeit, wobei sich Letztere hier nicht aus der Liebe zu einem Mann, sondern aus der Leidenschaft für die Wissenschaft speist. Rings um diese Keimzelle von Wissen und Erkenntnis entzündet sich der Glaubenskrieg zwischen den erstarkenden Christen, den Heiden und den Juden, dem mit dem römischen Reich auch die legendäre Bibliothek von Alexandria zum Opfer fällt.

Das Chaos der rivalisierenden Gruppierungen ordnet Amenábar zusammen mit seiner Kostümbildnerin Gabriella Pescucci durch eine ausgeklügelte Farbdramaturgie, während sich zugleich in der Palette von Hypatias Garderobe, im Wandel von den hellen Farben über Burgunderrot zu fahlen Grautönen, ihre wachsende Bedrohung spiegelt.

Natürlich legt es Amenábar, der in all seinen Filmen auf unterschiedliche Weise die Wunder und Tücken der Wahrnehmung ausgelotet hat, bei der Rekonstruktion der Historie darauf an, eine Brücke zu schlagen von der fernen Vergangenheit zu den Religionskriegen unserer Zeit: Nicht zufällig erinnern die militant christlichen Parabolani mit ihren langen schwarzen Gewändern und dunklen Bärten an die religiösen Fundamentalisten der Taliban.

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