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Es gibt Filme, die sich lediglich vor der Kulisse eines leeren Winterstrandes abspielen, und es gibt jene seltenen Werke, die förmlich aus dem Salz, der Kälte und dem grauen Licht selbst gewebt zu sein scheinen. Zu dieser zweiten, kostbaren Gattung gehört "Paternal Leave". Die Handlung folgt einer Fünfzehnjährigen namens Leo, die mitten im Winter in einen Zug nach Italien steigt. Sie trägt nichts bei sich als einen Rucksack, einen Namen und ein klaffendes Loch in ihrer Biografie, um ihren Vater Paolo zu suchen. Er ist ein Mann, der d.h. in ihrer Vergangenheit mehr die Funktion eines Gerüchts als die eines greifbaren Menschen innehatte.

Die Regie verzichtet auf jedes laute melodramatische Werkzeug und reduziert das Geschehen auf jenes absolute Minimum, das notwendig ist, damit zwei Menschen einander nicht länger ausweichen können. Sie verbannt ihre Figuren in ein "maritimes Provisorium", d.h. in verlassene Räume einer unwirtlichen Küste, in denen jedes gesprochene Wort zu laut und jedes Schweigen geradezu unanständig intim wirken würde.

Doch was diesen Film wahrhaftig beseelt und mich völlig hingebungsvoll zurücklässt, ist nicht seine Geschichte. Es ist ein Gesicht. Ein Gesicht, das noch nicht ahnt, wie sehr es von der Kamera geliebt und betrachtet wird, und das gerade durch diese ungeschützte Offenheit von einer fast brutalen Wahrhaftigkeit zeugt: Juli Grabenhenrich. In jeder Spannung ihrer Schultern, in jeder überdehnten Pause und in jedem Blick, der über den Vater hinweg ins Bodenlose gleitet, trägt sie das vorzeitige Wissen eines Mädchens. Sie hat längst verstanden, dass Erwachsene oft nur Kinder mit einem größeren Arsenal an Ausreden sind. Eine faszinierende Melange aus Entschlossenheit und Verletzlichkeit entfaltet sich auf der Leinwand zu einem regelrechten Ereignis, in dem wir einem Menschen leibhaftig beim Denken zusehen dürfen.

Wenn Leo diesem fremden Vater gegenübersteht, gleicht sie innerlich behutsam jeden Satz ab. Der schmerzhafteste Moment dieses Aufeinandertreffens gipfelt in der schlichten Feststellung, er habe sich einst gegen sie entschieden. Auf dem Papier mag dies wie ein nüchternes Lehrbuchbeispiel wirken, doch aus dem Mund von Grabenhenrich gerät es zu einer existenziellen Diagnose. Sie schleudert keine Anklage in den Raum, sondern formuliert eine alte, wundgescheuerte Wahrheit, d.h. nur um zu prüfen, ob die Welt überhaupt noch Notiz von ihr nimmt. Das Unausgesprochene zwischen den Sätzen ist dabei mindestens ebenso bedeutsam. Es ist das flüchtige Verschwinden der Hände in den Ärmeln, die beinahe fluchtbereite Haltung auf dem Stuhl und jener fordernde Tonfall, der das Zögern des Vaters schlichtweg überfahren will.

Luca Marinelli spielt diesen Paolo nicht als das Monster, zu dem eine einfache Moral ihn stempeln würde. Er ist vielmehr ein Mensch, der vor der eigenen, einst getroffenen und tief verdrängten Entscheidung kapituliert und nun angesichts seiner Tochter ins Wanken gerät. Seine kindische Überforderung offenbart die stille, bohrende Grausamkeit dieser Tage. Der Film verweigert sich tröstlichen Illusionen oder einer geläuterten Umarmung im letzten Bild. Stattdessen beobachten wir zwei Körper, die mühsam erlernen müssen, überhaupt in derselben Szene zu existieren. Der schmale Streifen Strand mag räumlich eng begrenzt sein, aber Juli Grabenhenrich erfüllt ihn mit einer derart gewaltigen inneren Bebung, dass man den Saal mit dem tiefen Gefühl verlässt, einem Leben bei seinem entscheidenden Wendepunkt beigewohnt zu haben. Es ist die unvergessliche Erfahrung, einer jungen Schauspielerin zuzusehen, die nicht bloß spielt, sondern sich der schieren, schmerzhaften Zumutung aussetzt, wahrhaftig ein Mensch zu sein.

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