Kritik zu Die Wiese – Ein Paradies nebenan

© Polyband

2019
Original-Titel: 
Die Wiese – Ein Paradies nebenan
Filmstart in Deutschland: 
04.04.2019
L: 
90 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Manche Filme kommen gerade zur richtigen Zeit ins Kino. »Die Wiese – Ein Paradies nebenan« ist so ein Film. Wer besser verstehen will, warum das erfolgreiche bayerische Volksbegehren zum Insektenschutz, das medienwirksam den Schutz der Bienen fordert, aber natürlich alle Insekten meint, weit über Bayern hinaus so wichtig ist, wird um ihn nicht herumkommen.

Bewertung: 4
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Ein Paradies »von nebenan« nennt der Autor die Wiese und verweist auf etwas, das scheinbar alltäglich, normal, also gleich nebenan zu finden ist. Aber die sakrale Musik der einführenden Szenen verrät es: Das Biotop Wiese ist mehr – ein Stück Schöpfung, die der Mensch sogar mitgestaltet hat. Und jetzt ist er dabei, es immer rascher zu vernichten. Die Fakten sind bekannt, das Artensterben nimmt auf dramatische Weise zu. Jan Haft, Deutschlands derzeit erfolgreichster Naturfilmer, zeigt uns, was wir verlieren.

Die Idee ist eigentlich gar nicht neu. »Mikrokosmos – Das Volk der Gräser« lief schon 1996 in den Kinos und hat uns die Augen geöffnet für eine scheinbar vertraute Welt. Auch die ersten Warnungen vor dem zunehmenden Verlust der biologischen Vielfalt ertönten schon vor Jahrzehnten – und doch werden immer raffiniertere Gifte gesprüht, wird viel zu viel Jauche aus industrialisierter Viehwirtschaft über die Wiesen entsorgt. Und mit immer größeren Maschinen ackert man – manchmal sogar im Namen des Klimaschutzes – Wiese für Wiese um, pflastert unsere einstige Kulturlandschaft mit Maisöden zu, lässt Wildpflanzen, Insekten und Vögel verschwinden.

Nahaufnahmen, die in »Mikrokosmos« noch spektakulär waren, sind heute im Fernsehen fast alltäglich. Seit der Naturfilm das Zelluloid hinter sich gelassen hat, sind in immer höheren Auflösungen Bilder zu sehen, die davor kaum oder gar nicht möglich waren. Digitale Kameras kommen mit weniger Licht aus und ermöglichen Zeitlupen, die selbst den Lauf einer Gewehrkugel für unser Auge sichtbar machen. Flugaufnahmen, die damals nur im Weitwinkelbereich stabil und zudem aufwendig, teuer und deshalb auch selten waren, können heute mit langen Brennweiten kombiniert – oder einfach mit billigen Drohnen gedreht werden. Und Zeitraffer, die erst mit elektronischen Fotokameras praktikabel wurden, sind im Naturfilm nicht mehr wegzudenken. Inzwischen aber ist der Entwicklungsschub, der von der Digitalisierung ausgelöst wurde, aufgebraucht, sodass der Fokus sich wieder stärker auf die Dramaturgie richtet.

So haben Sie die Welt noch nie gesehen, war lange das bildbetonte Argument für neue Naturfilme. Auch »Mikrokosmos« setzte auf die Kraft der Bilder, verzichtete auf jeden Kommentar. Die Wiese überzeugt selbstverständlich ebenfalls mit eindrucksvollen Bildern und Tönen, aber ihr Autor nutzt auch die Sprache, lässt uns damit Zusammenhänge verstehen.

Aber beginnen wir von vorn: im Wald. Den hatte Haft schon 2012 mit »Das grüne Wunder – Unser Wald« spektakulär in Szene gesetzt und gezeigt, dass auch im Kino Naturfilme ihr Publikum finden können. Jetzt beginnt er seine Erzählung im »Schattenreich der Wälder«, um zu ergründen, wie sich daraus sonnige und artenreiche Wiesen entwickeln konnten.

Ein Reh erschrickt – ein Schuss. Doch als die Knallerei zunimmt, entspannt sich das Tier. Denn was wir sofort mit Jagdgeballer assoziieren, ist ein raffiniertes Spiel mit unserer Erwartung. Hier ist keine Treibjagd im Gange, sondern ein natürlicher Vorgang: Ein Pilz aus der Verwandtschaft der Kugelschneller verschießt seine Sporen mit solcher Energie, dass man die Treffer am nächsten Blatt hören kann. Und das Reh, das dieses Blatt frisst, trägt zur weiteren Verbreitung der Sporen bei. Das war immer das Kennzeichen der Filme aus dem Hause Haft: biologische Fakten so zu erzählen, dass sie spannend werden für den Zuschauer. Und erzählen meint hier zunächst die dramaturgische Umsetzung in Bild, Ton und Musik und dann, zuletzt, die Sprache.

Selbstverständlich nutzen Haft und sein Team auch alle modernen Kameratechniken: Drohnen und Schienenfahrten, Zeitraffer, Zeitlupen. Neu ist, dass er letztere wieder sparsamer einsetzt, vorwiegend dann, wenn er zeigen will, was wir in Normalgeschwindigkeit nicht sehen, oder – wenn sie seine Dramaturgie unterstützen. Naturfilm war nie bloß Abfilmen von Natur, aber für den modernen Naturfilm gilt ganz besonders: Bilder und Töne müssen viele kleine Dramen erzählen, und wenn dabei der große Bogen nicht vergessen wird, umso besser.

Da ist, im Kleinen, die Episode der Wiesenbrüter. Der Nachwuchs von Brachvogel und Feldlerche kann nur gut getarnt im Wiesendickicht überleben. Doch nun droht die Tarnung zum Verhängnis zu werden. Wir spüren den Horror der langsam anlaufenden Messer gewaltiger Mähmaschinen – und sind erleichtert über die Hilfe aus dem Himmel: Blitz und Donner.

Die große Erzählung aber lautet: Auch die blitzenden Messer stehen nicht für das Böse schlechthin. Ohne Waldlichtungen –
entstanden durch Menschenhand – und ohne Mahd gäbe es keine Wiesen, würden erst Sträucher, dann Bäume, schließlich der Wald die Sonnenflächen vereinnahmen. Soviel zugunsten der Bauern, die einst in mühevollem Tagwerk die Flächen freihielten.

Doch es ist auch hier die Dosis, die das Gift macht: Das einstige Tagwerk eines Bauern schaffen moderne Maschinen in Minuten und machen so die Bewirtschaftung von Riesenflächen erst möglich. Gülle, die einmal an Nährstoffen zurückgab, was man der Fläche entnommen hatte, ertränkt heute die Wiesen. Und Wildpflanzen und -tiere, die dem Bauern nicht nützen, musste er früher auf seinen bewirtschafteten Flächen mühsam zurückdrängen, heute kann er sie ausrotten. Übrig bleiben monotone Einheitswiesen aus wenigen Gräsern und der Löwenzahn, gegen den sich (noch) kein durchschlagendes Gift finden ließ – naturbelassene Wiesen gibt es immer weniger.

Die Folgen wurden oft benannt, Jan Haft gibt dem Verlust Namen und Geschichten: den farbenfrohen Saftlingen etwa, die schon von einer Fuhre Dung für immer ausgelöscht werden können, dem merkwürdigen Verhältnis von Ragwurz und Langhornbiene oder dem Wollschweber, dem Kuckuck unter den Insekten, der sein Ei ins Bienennest schießt. Und er beklagt das monotoner werdende Abschiedskonzert der Schrecken, Grillen und Zikaden, das bald wohl ganz verstummen wird.

Ja, man muss diese Vielfalt sehen, den Reichtum einer Blumenwiese erst begreifen, um zu verstehen, was hier verlorengeht. Das alles beschreibt Haft präzise; und er gibt auch Hinweise, wie sich die Entwicklung aufhalten ließe. Denn er gibt nicht allein den Bauern die Schuld daran. Wirtschaftlichkeit gilt fast überall als Gradmesser des Fortschritts und treibt auch sie zu vermeintlicher Effizienz.

Und gilt das nicht selbst für das Kino? Die Blockbusterpolitik der letzten Jahrzehnte hat manchen Zuschauer in die Programmkinos vertrieben. Und Naturfilme wurden als Familien- oder Kinderkino ins Nachmittagsprogramm verdrängt. Vielleicht finden sich ja doch noch Kinos, die wieder Vielfalt zulassen und einem Naturfilm wie »Die Wiese« im Abendprogramm einen Raum geben. Denn solche Filme brauchen wir alle – nicht nur die Kinder.

Meinung zum Thema

Kommentare

Als Gast der Premierenveranstaltung dieses Filmes am letzten Donnerstag kann ich nur folgendes Berichten. Es steht Jan Haft drauf, es ist 100% Jan Haft drin. Ein Augenschmaus,...wie immer

Der Film könnte noch viel schöner sein ohne die laute und aufdringliche Musik. Warum habt ihr nicht den Mut, nur die wirklichen Naturgeräusche zu bringen?

Ich würde den Film gern schauen aber mich schreckt die überaufdringliche laute Musik mit dem nervigen bimbambombam-bimbambombam total ab. Das könnte ich nicht ertragen so lang. Wirklich sehr schade...

Danke für die Hinweise zur Musik. Damit ist der Film für mich auch gestorben. Warum muss man Natur musikalisch inszenieren? Gerade die Töne und Geräusche, die man in einer Wiese vernimmt, gehören doch zu ihrem Zauber dazu. Wenn die iPod-verwöhnten Menschen dann mal 'rausgehen in den Wald oder ins Feld, ist es ihnen wahrscheinlich zu langweilig und zu ruhig. Bei "Mikrokosmos" war es gerade erträglich.

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