Zu selbstverliebt

Cannes Film Festival 2019
© Cannes Film Festival

Almodóvar ist dagegen; Iñárrittu eher dafür. Und Tarantino liebt halt die gute alte Zeit. Die Rede ist natürlich von Netflix. Obwohl dessen Filme auf dem Festival in Cannes schon im zweiten Jahr aus den Sektionen des offiziellen Programms verbannt sind, war Netflix im Grunde überall. Auf nahezu jeder Pressekonferenz war es Thema, fast jeder Regisseur musste sich positionieren: »Wie hältst du's mit dem Streaming« ist die neue zentrale Glaubensfrage im Filmgeschäft. Auf die auch das Festival in Cannes eine Antwort finden muss. Denn die Parole, dass hier in Cannes an der Croisette noch Kino als Kino gefeiert wird, mit langen Schlangen vor den Sälen, in voller Abendgarderobe und mit viel Prominenz auf dem Rotem Teppich, kann nicht viel länger verdecken, dass das Streamen von Filmen eine sehr praktische Sache ist. Gerade für die, die nicht das Privileg haben in Cannes zu sein. Gerade für alle, die nicht Monate, oder gar Jahre warten wollen, bis der neue Porumboiu auch zu ihnen ins Kino kommt.
 
Zumal das Wettbewerbs-Programm in Cannes von ein, zwei Netflix-Filmen definitiv profitiert hätte. Es fehlte nämlich genau an jener Sparte interessanter Filme, in denen bekannte Stars von quer denkenden Regisseuren und neuen Herangehensweisen herausgefordert werden. Die aber produziert in Zeiten, in denen die großen Studios sich ganz aufs Franchise-Kino verlegt haben, eben vor allem Netflix. Was in Cannes mangels neuer frischer Ware dominierte war dagegen ein fast schon gefährlicher Hang zur Selbstverliebtheit und zum Selbstzitat. Es geht noch an, wenn ein so eigensinniger Außenseiter wie Jim Jarmusch seine Zombiekomödie »The Dead Don't Die« als Insider-Witz aufzieht, und auch Ken Loach will man es nicht verübeln, dass er sich in »Sorry We Missed You« einmal mehr auf die Seite der Ausgebeuteten schlägt. Schwieriger wird es, wenn der Rumäne Corneliu Porumboiu, der bislang mit jedem seiner Filme neue, überraschende Erzählweisen fand, sich in »The Whistlers« selbstgefällig auf die ausgetretenen Pfade der Film-noir-Hommage zurückzieht. Und geradezu geschäftsschädigend ist es, wenn die Brüder Dardenne in »Le jeune Ahmed« ihre bewährte Methode des Handkamera-Verfolgens auf einen sich radikalisierenden jungen Muslim anwenden, und dabei diesmal so wenig herauskommt, dass man sich im Nachhinein fragt, was man an ihren Palmengewinner-Filmen wie »Rosetta« und »Das Kind« je gefunden hat.

»Once Upon a Time in Hollywood« (2019). © Sony Pictures

Quentin Tarantino, der den Cannes'schen Slogan »Vive la cinema!« zur Freude der Festivalleitung von den berühmten Treppen vor dem Palais Lumiere den in den Saal drängenden Massen zurief, ist quasi das Aushängeschild der Kinoselbstverliebtheit. Der Titel seines neuen Films »Once Upon a Time in Hollywood« spricht da für sich selbst, man muss noch nicht mal wissen, dass es darin um einen alternden Western-Star geht und in vielen akribisch erstellten Film-im-Film-Szenen eine vergangene Ära heraufbeschworen wird. Für seine beiden Stars, Leonardo Di Caprio und Brad Pitt, zahlt sich das aus: Beide gelten prompt als heiße Favoriten auf den Schauspielerpreis. Auch Tarantino könnte etwas kriegen, heißt es, aber dass es die Goldene Palme sein wird, die zweite nach seinem Coup vor 25 Jahren mit »Pulp Fiction«, gilt als unwahrscheinlich. Auch wenn »Once Upon a Time...« von vielen hier als »Rückkehr zur Form« gefeiert wurde, ist Tarantinos Obsession mit dem alten Hollywood und besonders dessen billigeren, abgehangenen Aspekten – schlicht ein wenig unerheblich in heutigen Zeiten. 

Zwei andere Altmeister können sich größere Chancen ausrechnen. Terrence Malicks »A Hidden Life«, über den von den Nazis hingerichteten Gewissensverweigerer Franz Jägerstätter, erinnerte im Positiven an seine alten Meisterwerke wie »Badlands« und »Thin Red Line«. Als echter Favorit auf den Hauptpreis aber wird in diesem Jahr Pedro Almodóvar gehandelt: Besonders weil Almodóvar, der schon oft in Cannes war, aber noch nie die Goldene Palme gewann, in »Leid und Herrlichkeit« (»Pain & Glory«) die Selbstzitate nicht eitel zur Eigenbestätigung einsetzt, sondern mit ihnen den eigenen Alterungsprozess reflektiert, auf berührende, ganz und gar nicht selbstgefällige Weise und mit einem großartig altersfragilen Antonio Banderas in der Hauptrolle.

»Portrait of a Lady on Fire« (2019). © Lilies Films/ Hold-Up Films / Arte France Cinéma

Aber vielleicht will die Jury unter Vorsitz von Alejandro Iñárrittu in diesem Jahr ja ein Zeichen setzen – gegen die Introspektion und Rückwärtsgewandtheit des Kinos der Alten. Mit Celine Sciammas »Portrait of a Lady on Fire« hätte sie dazu die beste Gelegenheit. Reflektiert die Französin in ihrem Film doch auf bestechende Weise genau die Fragen, denen das Festival in Cannes fast noch mehr aus dem Weg geht als denen nach Netflix: Was müssen Frauen tun, um gesehen zu werden? Was ist das, der weibliche Blick? Auch wenn Sciammas Film um eine Malerin und ihr Modell im späten 18. Jahrhundert ein bisschen akademisch und steif daherkommt: Die Goldene Palme für Sciamma wäre eine echte Revolution im männerzentrierten Cannes. Noch gewagter freilich wäre eine Auszeichnung für Mati Diop, der ersten Regisseurin mit afrikanischen Wurzeln im Wettbewerb, die in ihrem »Atlantique« mutig Geistererzählung, Flüchtlingskrise und Frauenbild in Senegal zusammenbringt.    

Der Kritikerfavorit, noch vor Almodóvar und Sciamma, ist in diesem Jahr Bong Joon-hos »Parasite«: Ein Film, der Sozialkritik, Humor und Thriller auf so schlüssige Weise verbindet, dass sich Fragen nach dem »guten Alten« völlig erübrigen. Spannend, überraschend und gleichzeitig voller bitterer Einsichten in die koreanische Gesellschaft und ihren Klassengegensätze, ist »Parasite« schlicht Kino im allerbesten Sinne.

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