Cannes 2016: »Money Monster« und »I, Daniel Blake«

Die Stunde des kleinen Mannes
»Money Monster« (2016). © Sony Pictures

Mit George Clooney und Julia Roberts in den Hauptrollen zählt »Money Monster« zu den Filmen mit größtem Glamour-Faktor des 69. Filmfestivals von Cannes. Verstärkt dadurch, dass Regisseurin Jodie Foster vor vierzig Jahren hier mit der Goldenen Palme für »Taxi Driver« der Welt als Kinderstar bekannt wurde. Ihr vierter Spielfilm als Regisseurin greift mit dem Thema Journalismus statt Unterhaltung eines der wichtigsten Probleme der Gegenwart auf. Außerhalb des Wettbewerbs präsentiert, wurde »Money Monster« mit viel freundlichem Applaus angenommen, der in erster Linie den engagierten Schauspielern und den verbundenen guten Absichten galt. Denn kritisieren möchte der Film so einiges: den falschen Glanz der Reality-TV-Shows, die unheilvolle Vermengung von Nachrichten und Entertainment, das mangelnde Ethos von Journalisten, die etwa nach der Finanzkrise den Verantwortlichen nicht mit harten Fragen auf den Leib rückten.

»Money Monster« (2016). © Sony Pictures

Im Kern erzählt »Money Monster« eine vertraute Geschichte: ein sprichwörtlich kleiner Mann, der junge Lastwagenfahrer Kyle (Jack O'Connell), hat an der Börse seine ganzen Ersparnisse verloren. Verantwortlich macht er dafür Lee Gates, den von George Clooney gespielten Moderator einer Finanz-Sendung, der in seiner Gag- und Gadget-verliebten Show den Tipp gegeben hatte. Um sich zu rächen, schleicht Kyle sich in die Live-Sendung ein und nimmt Lee zur Geisel. Wie es das Genre so will, wird weiter live gesendet. So können sich sozusagen vor dem Anteil nehmenden Publikum der Welt sowohl der eitle Moderator als auch seine taffe Produzentin (Julia Roberts in einer Glanzrolle) doch noch als Menschen und Journalisten bewähren, indem sie zur »Beruhigung« des Geiselnehmers den wahren Ursachen des Kursabstiegs der empfohlenen Aktie nachgehen.

Auch wenn »Money Monster« zum echten Thriller wegen zu geringen Überraschungsfaktors nicht taugt, überzeugt er doch auf anderen Ebenen. Allen voran die der Schauspieler: George Clooney zeigt, dass er am besten ist, wenn er typisch männliche Eitelkeiten entlarven darf, und Julia Roberts bewegt mit präzisem Spiel zwischen Vernunft und Gefühl. Leider lässt das Drehbuch mit seiner vorhersehbaren Psychologie ihnen nur wenig Entfaltungsraum. Aber schließlich mag es ein Beleg dafür sein, dass der Film mit seiner Kritik am Infotainment richtig liegt, wenn George Clooneys Kommentare zur aktuellen politischen Lage in den USA für mehr Furore sorgen als seine oder Jodie Fosters kluge Erläuterungen zum Film. Trump werde nicht Präsident werden, erklärte Clooney, weil sich sein Land nicht von Angst treiben lasse und man weder Muslime, noch Immigranten noch Frauen fürchte.

Ken Loach am Set von »I, Daniel Blake« (2016). Foto: Joss Barratt/Sixteen Films.

Auch der britische Regisseur Ken Loach äußert sich rund um seine engagierten Filme herum stets politisch. Schlagzeilen produziert der britische Altmeister, der im Juni 80 wird, aber nur noch selten. Obwohl er vor zwei Jahren mit »Jimmy's Hall« eben hier in Cannes seinen Abschied vom Filmemachen bekannt gab, kehrte er nun für »I, Daniel Blake« aus dem Ruhestand zurück. Er verhandelt darum ein Thema, das ihm sehr am Herzen liegt. Anhand eines 50-Jährigen Schreiners, der nach einem Herzinfarkt um die ihm zustehende Sozialleistungen kämpft und einer jungen Alleinerziehenden, die Opfer eines Zwangsräumung wurde, erzählt Loach von den mörderischen Mühlen der britischen Sozialämter. Der grassierenden medialen Verunglimpfung von Sozialhilfeempfängern als angebliche Schmarotzer möchte Loach die wirklichen Härten des Lebens von einfachen Menschen entgegenhalten, von Menschen, die zu kämpfen haben, ganz ohne eigenes Verschulden. Mit viel Geschick bei der Besetzung zweier unverbrauchter Gesichter in den beiden Hauptrollen, gelingt Loach mit »I, Daniel Blake« zwischendurch eine hübsche schwarze Komödie, die bloßlegt, wie sich Ämter per Telefon-Service und Internetauftritt mehr vor den Bürgern verstecken als sich ihnen zugänglich zu machen, zumal für die älteren Bedürftigen. Mit voller Absicht scheut Loach auch weder vor Sozialkitsch noch vor Schwarzweißmalerei zurück, was das Vergnügen an seinem Film nicht unbedingt Abbruch tut.

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