Retrospektive: »Brüder« (1929)

»Brüder« (1929). Quelle: Deutsche Kinemathek

»Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte ihrer Klassenkämpfe«, lautet das Motto im Vorspann. »Brüder«, Regie Werner Hochbaum, initiiert und vertrieben durch den Deutschen Verkehrsbund, gezeigt nicht im regulären Kinobetrieb, sondern auf Gewerkschafts- und SPD-Veranstaltungen, ist der Versuch, einen deutschen proletarischen Film zu schaffen. Die Akteure: Alltagsmenschen aus dem Hamburger Hafenarbeitermilieu, die eine Geschichte aus dem großen Hafenstreik von 1896/97 nachspielen: Ein Arbeiter, der mit kranker Frau, kleiner Tochter und alter Mutter in einer Stube wohnt, streikt solidarisch mit seinen Kollegen für bessere Arbeitsbedingungen und höheren Lohn. Sein Bruder ist Polizist, und wenn der ihn besucht, ist der Klassenkampf greifbar. Kein Gruß, kein Blick, der Bruder muss seine Uniformmütze auf den Boden, nicht auf den Tisch legen. Wenn ein Polizist im Bild ist, überblendet Hochbaum sehr gern auf eine Löwenstatue, Kanonen, Reiterstandbild und Kaiser: Die Obrigkeit, der Feind.

Viele Wochen Streik aller Gewerke des Hamburger Hafens, gegen die Arbeitgeber, aber auch gegen die Polizei und gegen den Kaiser selbst: Unser Held wird verhaftet, an Heiligabend, der Weihnachtsbaum fällt um, der »Friede auf Erden«-Engel liegt im Staub und wird zertreten, ein Nagel fährt durch die Hand unseres Helden... Und sein Bruder, der Polizist, muss sich entscheiden: Pflicht oder Brüderlichkeit. Auf der Straße wird ein Freiheitslied gesungen: »Die Welt sei unser Vaterland und alle Menschen Brüder«. Der Streik ist hart, keine Kohlen mehr im Eimer, kein Kaffee im Schrank, und der Film hat natürlich das große Problem, dass der historische Hafenarbeiterstreik mit einer kompletten Niederlage der Arbeiterschaft ausgegangen ist.

Hochbaum muss die Niederlage argumentatorisch umbiegen in einen moralischen Sieg: »Nicht das Recht, sondern die Macht hat gesiegt«. Und unser Held weiß: »Werdet stark in der Gemeinschaft!«

»Brüder« ist kein Film der Agitation, sondern eher nach innen gerichtet einer der Selbstbestimmung und Selbstvergewisserung: Auch in den 20ern geht es so manchem Arbeiter dreckig, nicht nur in der Weltwirtschaftskrise. Und der Druck der Gesellschaft, gerade von rechts, nimmt zu... Man muss zusammenstehen, denn auch in der Niederlage heißt es: »Und trotzdem!«

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