Ausgrabungen und Erhebungen

Es gibt Orte, deren Boden Filmbegeisterte nicht unschuldig betreten. Ihre Vorgeschichte lässt sie zu Spurensuchern werden und verwandelt Filmemacher in Epigonen. Schaulustige bewegen sich auf ihnen mit Gewinn und auf eigenes Risiko. Das gilt für Pompeji in den Phlegräischen Feldern ebenso wie die für Treppe von Odessa, die seit über vier Jahren wieder in einem Kriegsgebiet liegt.

Auf das Vulkangebiet bei Neapel, das chronisch von Erdbeben heimgesucht wird und aus dem aktuell wieder giftige Gasausstöße und bedrohlich erhörte Bodentemperaturen gemeldet werden, kommen ich später zurück. Bleiben wir zuvor für einen Moment bei der berühmten Treppe, die seit 2015 auf der Liste der „Schätze der Europäischen Filmkultur“ steht, die die European Film Academy seit geraumer Zeit anlegt. Der Aufstieg, der die Hafenmole mit der Innenstadt von Odessa verbindet, ist das urbane Kennzeichen der Metropole am Schwarzen Meer. Das Filmmuseum München vermisst diesen filmischen Ort von heute an in einer Filmreihe, deren Anlass das 100. Jubiläum der Deutschlandpremiere von Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ am 29. April ist. Ursprünglich hieß er einmal „Die Boulevardtreppe“, trägt inzwischen aber den wohl auch offiziellen Namen „Potemkinsche Treppe“. Für die Umbenennung ist bestimmt eher das Kino verantwortlich, als die Historie selbst.

Mithin verfolgt die Reihe die zahlreichen Linien, die von Eisensteins Film aus durch die Filmgeschichte laufen. Zentral ist hierbei natürlich die ein Jahrhundert später noch immer aufwühlende Sequenz, in der zaristische Kosaken ein Massaker unter den rebellierenden Bewohnern anrichten, die sich mit den meuternden Matrosen des Panzerschiffs solidarisieren. Jedoch verlief der historische Aufstand 1905 etwas anders, als ihn Eisenstein inszeniert (es geschah des nachts, und die Bürger wurden anscheinend nicht die Treppe hinab, sondern empor gejagt), Die Sequenz stand angeblich auch nicht im Drehbuch, sondern soll einer Eingebung des Regisseurs am Drehort geschuldet sein. Gleichwohl nutzen er und sein Kameramann Edouard Tissé dessen Topographie mit akribischer Wucht; zumal die Treppenabsätze, die alle 20 Stufen eingefügt wurden und auch die Sequenz strukturieren. Eisensteins Montage von Masse und Individuum ist ungeheuerlich. Während man nie die Gesichter der Kosaken sieht, hebt sie aus der Menge ihrer Opfer zahlreiche Figuren in Nahaufnahme hervor. Auf der Treppe drängen sich Menschen jedweder Couleur, auch Großbürger und Adlige schließen sich dem Aufstand an. Die Parallelfahrten, die ihre Flucht bzw. das unerbittliche Voranschreiten der Kosaken begleiten, seitlich oder aus Vogelperspektive, unterstreichen die Gräueltaten zudem. Ein wahnsinnig effizientes Kabinettstück reinen Kinos.

Kurator Thomas Tode, der zum heutigen Auftakt in Eisensteins Film sowie eine französische Wochenschau von 1905 einführt, entfaltet ein breites Spektrum der Einflüsse, Spuren und Zitate. Es reicht von Chris. Markers sublimem „Rot ist die blaue Luft“ über Beispiele aus Kinematographien des ehemaligen Ostblocks bis zu Kurzfilmen von Agnès Varda, Radu Jude und Tan Tan (der 2022 einen brandaktuellen Bezug zum Ukrainekrieg herstellt). Die Auswahl betont nicht nur den historischen Abstand zu den Ereignissen, sondern auch eine Gleichzeitigkeit. Die zauberhafte Komödie „Jüdisches Glück“ von Aleksej Granovskij entstand kurz nach Eisenteins Dreharbeiten; der inzwischen ortskundige Tissé stand wiederum hinter der Kamera. Das Team der Scholem Alejchem- Adaption ist ohnehin hochkarätig: Isaak Babel hat die Zwischentitel verfasst. Ich habe sie vor Jahrzehnten einmal in einer Rekonstruktion (des ZDF?) gesehen, hatte aber vergessen, dass sich in einer sacht charmanten Szene ein umtriebiger Heiratsvermittler auf der Treppe mit einer mondänen Kandidatin trifft. Komödiantisch scheint es auch in „Deja Vu“ von Juliusz Machulski zuzugehen.

Dafür erspart Thomas Tode dem Münchener Publikum die unzähligen Parodien auf die Treppensequenz, die zum Beispiel in Woody Allens Frühwerk oder dem Schlusslicht der „Nackte Kanone“-Serie auftauchen. (Eine allerdings interessante Zusammenstellung dieser „descendents“, darunter „Der Pate“, „Brazil“ und Hitchcocks „Foreign Correspondent“, findet sich auf Youtube.) An Brian De Palmas großspuriger Hommage in „Die Unbestechlichen“ führt indes kein Weg vorbei. Sie ist emotional so aufgeladen wie die Treppensequenz bei Eisenstein, folgt aber letztlich anderen filmischen Vorbildern. Die Festnahme von Al Capones Buchhalter im Bahnhof von Chicago ist so sorgfältig und minuziös eingefädelt wie ein Suspense-Moment bei Hitchcock, aber beim Wiedersehen erinnerte sie mich nun vielmehr an den magistralen Shootout vor dem Saloon aus Hawks' „Rio Bravo“. Kevin Costner und Andy Garcia treten in die Fußstapfen von John Wayne und Ricky Nelson. Eine solches Hohelied auf die Kaltblütigkeit wird gewiss nicht in Eisensteins Sinn gewesen sein. Immerhin treten ein paar Matrosen auf, die in Chicago eigentlich wenig verloren haben, aber den Hommage-Aspekt tatkräftig unterstreichen. Vor vielen Jahren musste ich einmal auf diesem Bahnhof umsteigen und nutzte die Wartezeit, um den Schauplatz in Augenschein zu nehmen. Die Freitreppe in der Eingangshalle hatte sich seit den Tagen Al Capones kaum verändert. Seeleute sah ich allerdings keine.

Einige Motive, aus denen die Parodien bzw. Nachahmungen Honig saugen, hat Piel Jutzi in der deutschen Bearbeitung des „Panzerkreuzer Potemkin“ übrigens gekürzt; wahrscheinlich aus Zensurgründen. Sie sind aber auch ziemlich schockierend. Die Großaufnahme der greisen Brillenträgerin, deren Auge von einer Kosakenkugel getroffen wird, fehlt nach meiner Erinnerung. Und über das endgültige Schicksal des Säuglings, der im herrenlosen Kinderwagen die Treppe hinunterstürzt, senkt sich eine gnädige Abblende.

Ein gutes Stichwort, denn ich bin schon länger geworden, als ich vorhatte. Zu den Phlegräischen Feldern und Pompeji komme ich beim nächsten Mal. In „Pompeji: Unter den Wolken“, dem neuen Dokumentarfilm von Gianfranco Rosi, haben sie einen verblüffenden Bezug zu Odessa.

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