Was ist das Gegenteil des bösen Blicks?
Allwöchentlich laufen so viele Filme an, dass manche Titel schlicht unter dem Radar verschwinden. Der Esel Goschka, die Hündin Mila, die vermaledeite Katze und all das andere Getier im bulgarischen Bergdorf beispielsweise kamen bislang noch nicht bei epdFilm vor. Das muss sich schleunigst ändern, denn Eliza Petkovas »Stille Beobachter«, der in dieser Woche bei uns anläuft, ist ganz außerordentlich. Im Wettbewerb des DOKfest in München hat der bulgarische Beitrag den Hauptpreis gewonnen.
Die Tiere haben hier viel größeres Bildrecht als die Menschen, die beinahe Randfiguren sind. Allerdings gibt es auch nicht mehr viele in dem Dorf Pirin. Ein paar ältere harren noch aus, eine junge Generation gibt es anscheinend überhaupt nicht mehr. Die Häuser verfallen, hier wird nichts mehr repariert. Die Zeit ist stillgestellt in Pirin. Von den Leuten, die geblieben sind, handelt Eliza Petkovas vorangegangener Film »Bürgermeister, Schäfer, Witwe, Drache«, der 2021 entstand. »Stille Beobachter« ist also gewissermaßen ein Sequel, jedoch aus ganz anderer Perspektive erzählt. Kamerafrau Constanze Schmitt rückt den Nutztieren in Pirin wirklich auf die Pelle (sic), studiert ausführlich ihre Leiber und Gliedmaßen, erkundet ihr Fell und nimmt vor allem ihre Sinnesorgane ganz nah in den Blick. Still sind diese Beobachter eigentlich nicht, die Ziegen verschaffen sich blökend Gehör, aber auch das Bellen der Hündin bleibt ohne Erwiderung. Vor allem die neugierige Katze erschreckt die Bewohner mit ihrem Fauchen und Poltern. Die Fauna wirkt gründlich beseelt in diesem Film, dessen Betrachtungsgeduld mich zuweilen an die Langmut von Michelangelo Frammartino erinnert.
Auch die Bewohner von Pirin glauben daran, dass ihre Tiere eine Seele haben – wenngleich nicht unbedingt die eigene, sondern die von Menschen, die in sie hinein gewandert ist. Im Esel, den die alte Frau herumführt, steckt deren Sohn, heißt es. Und der verhexten Katze soll der Priester die böse Seele austreiben. Das ist dringend geboten, denn ein Fluch währt sieben Jahre. Sie soll sich in einen Vampir verwandelt haben, nachdem sie über den Leichnam eines Verstorbenen sprang. Man schimpft also ausgiebig mit der Tierwelt, der lauter üble Kräfte unterstellt werden. Das filmische Beseeltsein ist indes kein Pendant zum unbeirrten Aberglauben der Bewohner, sondern dessen Korrektiv. Der Film behauptet nicht, in das Innere seiner Protagonisten zu schauen, er stellt ihre Aufmerksamkeit, Zeugenschaft in den Fokus. Im Kern erzählt er von einer Lebensgemeinschaft, die seit vielen Generationen existiert. Sie wird bestimmt von einem Nebeneinander der Zärtlichkeit und Rohheit, welche gleichermaßen unter dem Vorzeichen des Nutzens stehen.
Noch ein drittes Element verleiht dem Film seine eigentümliche Atmosphäre: die Musik. Ein kleines Ensemble improvisiert frei zu den Bildern und Klängen. Man könnte meinen, die Musiker spielten auf von ihnen handgemachten Instrumenten: Sie geben noch andere Töne von sich als nur die Musik. Bei der Premiere am Donnerstag spielten sie im City Kino Wedding offenbar auch auf. Der fabelhafte Verleih missingFilms rollt dem Film einen bunten Teppich aus. (Bei ihm ist Eliza Petkova ohnehin in guten Händen, er brachte »Ein Fisch, der auf dem Rücken schwimmt« 2021 mit großem digitalen Einfallsreichtum während der Pandemie heraus.) Die Berlinpremiere hätte ich gern miterlebt, aber ich musste kurzfristig als Moderator eines Gesprächs einspringen. Das wäre auch eine schöne Gelegenheit gewesen, die Regisseurin wieder zu treffen. Sie wird sich wahrscheinlich nicht mehr daran erinnern, aber ich habe sie während eines Seminars über das rumänische Kino kennengelernt, das ich 2017 an der dffb abhielt.
Sie imponierte mir bereits in der ersten Stunde. Ich fragte die Studierenden, weshalb sie sich gerade für das rumänische Kino interessierten. Die Antworten waren gescheit, aber ihre habe ich besonders in Erinnerung behalten. Eliza erklärte, sie stamme aus Bulgarien und wolle wissen, weshalb es dem Nachbarland so viel besser gelingt, eine Filmbranche auf die Beine zu stellen, die funktioniert und weltweit Resonanz findet. Ich bezweifle, dass dies Seminar ihr dazu eine vollumfängliche Erklärung gab. Aber seither hat sie eine Menge dazu beigetragen, dass man vom bulgarischen Film mehr Notiz nimmt; sie war mit ihren Filmen auf zahllosen Festivals, wo sie etliche Preise gewonnen haben. Damals war bereits ihr erster Langfilm »Zhaleika« auf der Berlinale gelaufen und hatte von der Jury der Sektion Generation14plus eine lobende Erwähnung erhalten. Nach dem Seminar schickte sie mir einen Link dazu und wollte wissen, wie ich ihn wahrnehme. Gewiss ist es nur ein Zufall, aber ihre Wortwahl führt mich heute geradewegs zu ihrem neuen Film, um den es in vieler, nein: jeder Hinsicht um Wahrnehmung geht. Ich fürchte, damals habe ich gar nicht darauf reagiert. Doppelt schade. Aber man kann ja auch im alten Jahr noch gute Vorsätze fassen.




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