Der nächste Tag

In ihrem Audiokommentar zu »The Longest Day« verhandelt Mary Corey den Film ziemlich umfassend, als Historikerin, die sich zuweilen in einen Fan zurückverwandeln kann. Wenn die Frauen in der Résistance alle so aussahen wie Irina Demick, wäre sie als junges Mädchen gern eine von ihnen geworden. Und der weiße Pullover, in dem Peter Lawford seinen Trupp anführt, findet sie noch immer schneidig. Es steckt viel in Zanucks Produktion, das Folklore geworden ist.

20th Century Fox produzierten eine Art Sequel, das drei Jahre später herauskam, »Up from the beach« (Der Tag danach). Vom Studio wurde es aber dermaßen massakriert, dass Regisseur Robert Parrish in Interviews vorgab, keinerlei Erinnerung an ihn zu haben. Mein Freund Bodo Traber erzählte mir vorgestern, er sei auf Youtube greifbar ist. Die Qualität ist miserabel (offenbar eine antike Aufzeichnung aus dem Fernsehen) und ich gab nach einigen Minuten auf. Interessant scheint er dennoch zu sein. Aber sein Vorläufer dominierte die filmische Darstellung des Ereignisses so sehr, dass er ausradiert wurde. Ein Gegengift zu Zanucks Film erwähnt Mary Corey nicht, die britische Schwarzweißproduktion „Overlord“ von 1975. Obwohl dieser wirklich erstaunliche Film in Berlin den Großen Preis der Jury erhielt, wurde auch er überschattet. Mitproduzent ist das Imperial War Museum, wo Regisseur Stuart Cooper hunderte Stunden Dokumentarmaterial sichtete. Was er auswählte, macht etwa einen Drittel des Films aus (unter anderen von Kriegsmaschinerie zur Überwindung der deutschen Strandbarrikaden, die Zanuck sich rätselhafterweise hat entgehen lassen), der sich die Fiktion hart erstreitet. Kubricks Steadycam-Meister John Alcott setzte zeitgenössische Objektive aus Deutschland ein, um die Spiel- den Dokumentarszenen anzugleichen. Hier ist der Krieg tatsächlich Chaos, der britische Rekrut spürt, dass die Maschinerie immer größer und er immer kleiner wird. Cooper experimentiert mit resnaishaften Vorausblenden, in denen er seinen Tod imaginiert. Vor Sword Beach kommt es dann anders, er erreicht ihn gar nicht erst. „Overlord“ dauert kaum anderthalb Stunden. Kubrick lobte ihn, fand ihn aber eine Stunde zu kurz. An die Drillsequenzen wird er sich bei »Full Metal Jacket« erinnert haben. Criterion hat Coopers Meisterwerk in einer mustergültigen Edition herausgebracht, in der der Regisseur unter anderem über den Einfluss der Fotos spricht, die Robert Capa am 6. Juni machte. Sie sind so eindringlich, weil er mal wieder ganz nah dran war. Jeder D-Day-Film, der auf sich hält, ist von ihnen inspiriert. Und da Capa so oft zitiert wird, tue auch ich es: Die Überschrift des gestrigen Eintrags stammt aus seinem Tagebuch.

Ich bin nicht sicher, ob Sam Fuller sie zu Rate zog. Das musste er auch nicht, zumindest behauptete er, jede Einstellung in »The Big Red One« (1980) beruhe auf Beobachtungen, die er selbst als Infanterist gemacht hat. Auch er war am Morgen in Omaha Beach mittendrin. Seine Bilder ähnen den verwischten Aufnahmen Capas. Die Kamera bleibt ganz nah an Lee Marvin und seinem Trupp, wie sie durch die Fluten kriechen, selten weitet sich der Blick zu einer Halbtotalen des Strandes. Das mag auch am Budget gelegen haben; im Hintergrund ist ein einziges Landungsschiff zu sehen. Mit wenig auszukommen, hat Fuller gelernt. Es spornt seine visuelle Phantasie an, unvergesslich sind die Einstellungen der Uhr eines Gefallenen, auf die er wieder zurückkommt, während das Wasser immer mehr vom Blut gefärbt wird. In seiner Kritik schrieb Rogert Ebert damals "A movies are about the war, B movies are about soldiers."

Steven Spielbergs »Saving Private Ryan« hebt diese Kategorien auf. 1997 erschien der Auftakt am Omaha Beach als der Goldstandard für Realismus im Kriegsfilm. Der Schrecken beginnt schon damit, dass die ersten zwei Reihen der Landungstruppen augenblicklich getötet werden. Ich müsste ihn zur Gänze wiedersehen, vielleicht tue ich ihm Unrecht, aber in der Folge wird es immer sentimentaler. Mit ihm begann in den USA auch die Fama der »Greatest Generation«, von der 1994 noch wenig zur spüren war. Inzwischen dominiert er den filmischen Diskurs über die Invasion so sehr, wie es 35 Jahre lang »The Longest Day« tat. Im Kern betreiben beide heroische »Dad History«, wie man das in den USA treffend nennt: Geschichtsschreibung, die sich an großen Gestalten orientiert, die das Kriegsgeschick entscheiden (bei Spielberg sind sie eben von herausragender Normalität).

Es gibt zahlreiche Filme, die von der Vorbereitung der Invasion erzählen, insbesondere von der angespannten Allianz zwischen Briten und Amerikanern. »Yanks – gestern waren wir noch Fremde« (1979) ist der schönste unter ihnen, weil er wirklich einen zweifachen Blick auf diesen Kulturschock wirft. Das hat allein schon mit den Filmemachern zu tun, Regisseur John Schlesinger hat in beiden Ländern gearbeitet und das Drehbuch schrieben Walter Bernstein (von dem ein wunderbares GI-Buch stammt, "Keep your head down", in dem er seine Erlebnisse schildert) und dem Briten Colin Welland. Zur Einstimmung auf diesen Text wollte ich »The Americanization of Emily« (Nur für Offiziere, 1964) eine zweite Chance geben, wurde vorgestern Abend aber wiederum enttäuscht. Satire liegt Hollywood einfach nicht, es läuft meist auf hysterische, durchgeknallte Figuren heraus. Und nichts altert so schlecht wie Kommiss-Komödien. James Garner versucht, als Ordonnanz eines Navy-Admirals eine kühlen Kopf zu bewahren. Im Grunde ist er nur ein gewiefter Kuppler und eben ein Beschaffungsgenie. Er gibt sich als überzeugter Feigling, der sich in London einen schönen Lenz macht. Garner kann das, er ist ein wirklicher Komödiant. Aber Paddy Chaeyefskys Drehbuch ist so geschwätzig, dass man nie herausfindet, welche Moral es letztlich ziehen will. Arme Julie Andrews!

Der chronisch unterschätzte »36 Stunden« gefällt mir allemal besser, wo Garner im selben Jahr einen Offizier spielt, der die Pläne für den D-Day kennt. Er gerät in deutsche Gefangenschaft, woraufhin Rod Taylor ein gigantisches Täuschungsmanöver für ihn inszeniert. Er soll glauben, er sei nach Ende des Krieges aus dem Koma erwacht und die Nazis hoffen, dass er sich irgendwann mal ungewollt verplappert. Das ganze Unternehmen ist hanebüchen, aber pfiffig. Eva Marie Saint muss man nicht bedauern, sie hat einen intensiven Auftritt als traumatisierte KZ-Überlebende. D-Day ging ja einher mit auzsgreifenden Täuschungsmanövern (hunderte Panzerattrappen etc), George Seatons Film dreht den Spieß um. Thriller über die Geheimhaltung der Operation Overlord sind in der Regel selten gelungen, aber »Where Eagles dare« (Agenten sterben einsam) mit dem bestrickend kinomüden Richard Burton und dem kaltblütigen Clint Eastwood ist ziemlich packend, wenngleich eher für Leute geeignet, die Boy's-Own-Abenteuer schätzen. Um in ein leichteres Register zu wechseln, empfehle ich »Leben im Schloss«, wo die vom Eheleben mit Philippe Noiret gelangweilte Catherine Deneuve einen Liebesreigen anstößt, in dessen Verlauf sie schließlich der Résistance hilft, die Invasion vorzubereiten. Nun haben sie viel über den D-Day gelesen, ohne zu erfahren, wofür das D eigentlich steht. Noch so eine Frage, auf die es eine naheliegende Antwort geben müsste. Genau weiß ich weiß es immer noch nicht, ebenso wenig wie die Historikerin Mary Corey, die so enthusiastisch »Der längste Tag« kommentiert. »Decision« vermutet sie, oder doch "debarkation"? Die Suchmaschine bietet »Delivery Day« oder »Doomsday« an. Die erste Variante passt, die zweite verschieben wir ruhig noch.

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