Aufs Geratewohl

Es kommt heute bestimmt eher selten vor, aber frühen waren Filmkomponisten häufig gezwungen, eine Partitur ohne Kenntnis des fertigen Films zu schreiben. Das traf erst recht auf instinktsichere Musiker wie Ennio Morricone und Philippe Sarde vor, die in ihrer großen Zeit jährlich ein, zwei Dutzend Filme vertonten. Manchmal mussten eine Drehbuchskizze oder nur ein paar Sätze des Regisseurs genügen, um die Vielbeschäftigten auf die richtige Spur zu führen.

Erich Wolfgang Korngold war zwar kein Fließbandarbeiter, als er in den 1930ern und 40ern bei Warner Bros unter Vertrag stand. Dazu wurde er viel zu hoch geschätzt; ihm wurden stets Prestigeproduktionen anvertraut. Aber auch er geriet einmal in die eingangs beschriebene Notlage. Als er 1942 den Auftrag bekam, die Musik zu einem Film namens »Kings Row« zu komponieren, kannte er weder dessen Romanvorlage noch die Drehbuchadaption; Regisseur Sam Wood hatte gerade erst mit den Dreharbeiten begonnen. Korngold vermutete, es handle sich um eines jener historischen Königsdramen, für die man ihn gern besetzte. Also nahm er den Filmtitel beim Wort und schrieb zur Eröffnung eine majestätische Fanfare. Es war der Auftakt zu einer seiner berühmtesten Arbeiten und stellt eines der prächtigsten Missverständnisse der Kinogeschichte dar.

Tatsächlich zeichnet »Kings Row« das Sittenbild einer amerikanischen Kleinstadt. Aus Zensurgründen konnte Casey Robinsons Drehbuch nicht ganz so schwefelhaft ausfallen wie Henry Bellamans Roman, der ein wahres Pandämonium der Abgründe (Wahn, Nymphomanie, Inzest und Euthanasie) entwirft. Aber ungewohnt deftig war die Filmidylle schon. Als Korngold seinen Irrtum erkannte, veränderte er seine Titelmusik indes kaum. Die Fanfare war bei der Studioleitung gut angekommen, also amerikanisierte er das dramatische Titelthema nur ein wenig, ließ es etwas pastoraler klingen. Es nobilitierte die Leinwandereignisse, was Jack Warner im Hinblick auf die Einwände des Hays Office ganz recht war. Ein unerwartet imperiales Nachspiel hatte Korngolds Thema dennoch, denn es diente unverkennbar als Inspiration für John Williams' "Krieg der Sterne"-Marsch.

Korngolds tour d'horizon durch menschliche Leidenschaften war ein mitreißender Auftakt des Neujahrskonzerts der Komischen Oper Berlin. Es stand unter dem Motto "Cinema!", wobei das Ausrufezeichen unüberhörbar war. Leider ist dies die letzte Spielzeit des Generalmusikdirektors Ainars Rubikis (verzeihen Sie, dass ich die lettischen Sonderzeichen über dem zweiten "a" und unter dem "k" nicht gefunden habe), aber wie ein schwermütiger Abschied klang der Jahresauftakt mitnichten. Rubikis setzte auf verschmitzte Überwältigung. Schließlich versetzt das Crescendo, mit dem Filmmusik-Suiten gern enden, das Publikum zuverlässig in ein angespanntes Hochgefühl, das in dankbaren Applaus mündet. Als der Dirigent anfangs tatendurstig zum Pult eilte, wurde augenblicklich klar, dass dieser Nachmittag in der Behrenstraße in Zeichen von Tempo und unbändiger Energie stehen würde. Das Orchester folgte ihm vergnügt und die SolistInnen sprudelten über vor Elan. Sopranistin Nadja Mchantaf interpretierte Werner Heymanns „Das gibt's nur einmal“ mit dem Temperament einer Can-Can-Tänzerin, welches später nicht erlosch, als sie mit dem Bass Philipp Meierhöfer das Gershwin-Duett "By Strauss" sang. Bei ihrem zweiten Duett, Cole Porters "Be a clown" aus »The Pirate«, legte der Bass sogar eine flotte Grätsche auf die Bühne.

An den bisher genannten Komponisten-Namen können Sie bereits erkennen, dass das Programm ein farbenfrohes Potpourri war. Die Ankündigung hatte mich bereits im letzten Jahr, als das Neujahrskonzert pandemiebedingt ausfiel, neugierig gemacht: Wie geht das alles mit Schostakowitsch und Alfred Schnittke zusammen? Hervorragend, durfte ich feststellen. Sie merken schon, ich komme aus dem Begeisterungsmodus nicht heraus, aber glauben Sie mir: Er entspringt redlicher Chronistenpflicht. Die Auszüge aus Schostakowitsch' "Hamlet"- Partitur von 1964 wirkten verblüffend schwungvoll in ihrer existenziellen Unruhe. Die Stücke vom russisch-deutschen Komponisten Schnittke (aus dem Fernsehfilm »Der Walzer« sowie dem Kurzfilm »Clowns und Kinder«) brachte das Orchester nachgerade zum Funkeln.

Natürlich erwartet man von einem solchen Konzert, dass es spritzig ist. Es soll Das Neue willkommen heißen: voller Zuversicht, dass es wohl gerät. Unter Barrie Koskys Ägide hat die Komische Oper vorgeführt, dass das Leichtfüßige nicht unbeschwert sein muss. Der Nachmittag war ein stimmiges Abbild dieser Philosophie. Einerseits hat Rubikis hier unlängst eine bemerkenswerte Inszenierung von Korngolds „Die tote Stadt“ dirigiert. Einige der dargebotenen Stücke wiederum sind Exil-Musik; Max Steiners "Casablanca" eröffnet da mannigfache Assoziationen. Und der Reichtum der Weimarer Operette, den das kluge Trüffelschwein Kosky in den letzten Jahren geborgen hat, zeugt (eben auch in seiner filmischen Adaption) von einer wachsamen Zeitgenossenschaft. Welch satirisches Potenzial in ihr steckt, belegten auch die launigen Conférencen des Moderators Ulrich Lenz, der Nino Rotas "Orchesterprobe" zu einer Allegorie auf die Ampel-Koalition erklärte (Fellins Film war ja schließlich eine auf die italienische Innenpolitik) und der in dem Errol-Flynn-Piratenfilm »The Sea Hawk« von Korngold komponiert und als flamboyant-romantischer Abschluss programmiert) das ulkige Gespenst eines "Spexits" an die Wand malte. Die „Casablanca“-Suite endet pathetisch mit der "Marseillaise", womit die EU-Ratspräsidentschaft Frankreichs begrüßt wurde.

Entschieden atmetet das Neujahrsprogramm den Geist des Hauses, der darauf besteht, dass die leichte Muse nicht schwer sein muss, aber hintergründig sein darf. Das war nicht zuletzt in Nino Rotas Suite aus »La Dolve Vita« zu spüren. (Überhaupt, das wäre mal einen Herausforderung für das Team, das Kosky und Rubikis nachfolgt: eine Fellini-Bearbeitung!) Rotas Musik ist ein agiles Pasticcio der Stile, zirzensisch, melancholisch, archaisch, modern insistierend; ihr ist nichts Menschliches fremd. Mithin ein heiter-wehmütiges Gegenstück zu »Kings Row«. Sie endet ohne Crescendo, sondern klingt leise aus. Begeisterten Applaus erntete das Orchester dennoch. 

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