Eine Stadt vertritt sich selbst

Eine weitere Eigenheit von „Babylon Berlin“ ist, dass die Drehorte auf besondere Weise den Drehplan strukturieren. Die drei Regisseure zeichnen nicht abwechselnd für einzelne Episoden verantwortlich, sondern sind jeweils für Schauplätze zuständig, vor allem solche, die regelmäßig wiederkehren.

So ist das Moka Efti beispielsweise für Tom Tykwer reserviert, der aber ebenso in der Mordkommission dreht, wie man dem Making of im Bonusmaterial der 2. Staffel entnehmen kann. Es wäre eine Heidenarbeit, in diesem Kaleidoskop einzelne Handschriften zu identifizieren. Aber das muss man ja nicht, es soll alles aus einem Guß sein. Die Signatur von Hanisch ist demgegenüber sehr wohl erkennbar: in seinem freien, pragmatischen Umgang mit zeitgenössischer Architektur. Dieses Berlin ist von zwei Phasen des Umbruchs und der Modernisierung geprägt, die auf starke Zuwanderungswellen reagierten. Erst einmal ist es das preußische Berlin, das nach dem Hobrecht-Plan ab 1862 umgestaltet wurde. Dieser Plan folgte durchaus den Prinzipien der Haussmanisierung von Paris, die sich ein paar Jahre zuvor vollzog. Innerstädtische Straßen verbreitern sich zu Boulevards, während die Blockbebauung eine eigene, typische Form gewinnt: mit den Mietskasernen, in deren Staffelung von Innenhöfen sich auch eine soziale Hierarchie manifestiert. Sie für die Kamera zu rekonstruieren, stellt eine der leichteren Aufgaben für Hanisch' Location Scout Stefan Wöhleke dar: Es gibt so viele, die fast noch aussehen wie damals. (Mit ihm hat mein Kollege Thomas Abeltshauser ein interessantes Interview geführt, in dem es zwar hauptsächlich um „Das Damengambit“ geht, das aber auch Aufschlüsse über „Babylon Berlin“ gibt: https://www.freitag.de/autoren/filmabt/die-fassade-passt). Nach dem Ersten Weltkrieg, als Groß-Berlin entsteht und zu einer Industrie-Metropole mit vier Millionen Einwohnern anwächst, verdichtet sich der städtische Raum noch weiter. Die architektonische Moderne scheint in der Serie u.a. in diversen Bauten auf, die Peter Behrens entworfen hat, am Alexanderplatz (noch etwas voreilig ins Spiel gebracht in den ersten zwei Staffeln) und dem AEG-Gebäude, dessen Interieur eindrücklich ein Sanatorium doubelt.

Dabei ist eine Stadt entstanden, die augenblicklich wieder erkennbar ist und aus dessen Vielfalt sich manch visuelle Synthese ziehen lässt. Die Epoche ist im heutigen Antlitz der Stadt noch auffindbar, sie wurde durch den Zweiten Weltkrieg nicht völlig ausgelöscht: Berlin ist auch eine Stadt der Restauration. Meine ursprüngliche Neugierde über das Schicksal des Metropol in der Serie ließ mich in der letzten Woche dann zum Binge watcher werden. »Babylon Berlin« kann einen schon in den Bann schlagen, nicht nur als Zivilist. Wie Uli Hanisch die Stadt als Gestaltungsraum nimmt, ist schon faszinierend. Ich entdeckte viel aus dem Alltag Bekanntes wieder: Am Paternoster im Haus des Rundfunks kam ich ständig vorbei, als ich dort Radiofeatures machte (rbbKulturradio, was ist bloß aus dir geworden?). Die üblichen Schummeleien amüsierten mich – in Berlinfilmen sind topographische Zusammenhänge meist fingiert. Ein weiteres Mysterium tat sich auf: Warum kommen die Hackeschen Höfe nicht vor? Darauf gibt oben genanntes Interview vielleicht eine Antwort: Ein Location Scout muss ja auch mit Hausbesitzern und Mietern handelseinig werde.

Museal soll dieses historische Berlin nicht sein (in der dritten Staffel, die insgesamt etwas aus dem Ruder geraten scheint, ist das mitunter schon der Fall), dagegen steht schon das Tempo der Serie, das sich ins Schlepptau dieses Zeitalters begibt, das atemlos besssen war von Mobilität besessen war. Polizeifilme sind naturgemäß oft gute Großstadtfilme. Charlotte Ritter und Gereon Rath jedenfalls sind unaufhörlich in Bewegung. Bestimmt ist schon jemand auf die lukrative Idee gekommen, Babylon-Touren zu veranstalten. Für die müsste man sich freilich eine Menge Zeit nehmen, denn die Drehorte reichen weit über den S-Bahn-Ring hinaus und selbstverständlich müsste auch die Studiostraße in Babelsberg dazugehören, wo gegensätzliche Facetten der Stadt extrem nah beieinanderliegen.

Neben ihrem szenischen Reichtum werden mindestens drei Strategien urbaner Besitznahme in »Babylon Berlin« kenntlich. Es gibt Orte, die tatsächlich sich selbst spielen dürfen. Dazu gehören der U-Bahnhof Hermannplatz (beide Bahnsteige), das Theater am Schiffbauerdamm, dessen kennzeichnendem Turm eine strategische Rolle zufällt in der »Der Mann, der zu viel wusste«-Paraphrase der zweiten Staffel (auch das Interieur des heutigen Berliner Ensembles passt noch) sowie das Ullsteinhaus in der dritten. Die Einfahrt zu den alten Geyer-Werken in Neukölln darf noch einmal auf den Plan treten (sie erinnert mich frappierend an eine Sequenz aus Fritz Langs »M«, der ohnehin eine sichtbare Grundierung dieses Berlin ist). Der Steglitzer Titania-Palast wiederum, wo am Ende der dritten Staffel die Filmpremiere stattfindet (den Kinosaal selbst habe ich bislang noch nicht identifiziert) besitzt im establishing shot eine hybride Existenz - sein Umfeld wird digital zurückversetzt in den damaligen Zustand.

Daneben gibt es unbestimmte, nicht näher benannte Schauplätze, dazu zählen etwa der Körnerpark in Neukölln oder das Hotel "Orania" in Kreuzberg, auf dessen Fassade man in diesem Kontext schwerlich verzichten konnte. Wesentlicher für das Konzept sind jedoch Realschauplätze, die für etwas anderes stehen und somit zur Fiktion werden. Angefangen bei den Rathäusern, dem Roten (mit seiner Backsteinfassade) und dem in Schöneberg, die das Polizeipräsidium am Alex, die "Rote Burg", darstellen. Kristina Jaspers schrieb mir, die Einsatzfähigkeit der Berliner Bezirksrathäuser sei ohnehin ein spannendes Thema, über das sie gern einmal arbeiten würde – nur zu, das würde ich gern lesen!

Die Serie operiert also stark mit architektonischer Verwandtschaft – öffentliche, Gebäude ähneln einander eben in ihrer repräsentativen Funktion, sind sozusagen demokratisch austauschbar. Das Kammergericht am Kleistpark verwandelt sich beispielsweise in das Reichswehrministerium. Der rbb hat auf seiner Website einen Schwerpunkt zu »Babylon Berlin« veröffentlicht, wo man diese szenischen Umwidmungen sehr schön lokalisieren kann (die Innenszenen des Moka Efti wurden im alten Delphi-Kino in Weißensee gedreht etc.). Unter den kurzen Reportagen zu den Drehorten fand ich den ehemaligen Gebäudekomplex der Deutschen Bank an der Mauerstraße besonders interessant, der als Produktionszentrum und als Studio für Innendrehs fungierte. Kristina Jaspers nennt die Hanisch' der Verwandlung eine Behauptung. Den Begriff mag ich sehr, denn das ist ja noch nicht zwangsläufig eine Lüge.

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