Turbulenzen

In zwei Tagen steht Hertha BSC mal wieder vor einer Herausforderung: Am Samstag trifft der Verein auf Dortmund. Es lief letzthin ja nicht sehr rund für die Berliner, ebenso wie in der letzten Saison. Nicht, dass ich plötzlich angefangen hätte, mich für die Bundesliga zu interessieren. Aber seit Hertha einen neuen Investor hat, verfolge ich die Geschicke des Klubs doch etwas aufmerksamer.

Lars Windhorst ist im Sommer letzten Jahres bei ihm eingestiegen, mit einem dreistelligen Millionenbetrag, für den man durchaus einen Marvel-Film drehen könnte. Oder beinahe, aber davon gleich mehr. Erinnern Sie sich noch an das Wirtschaftswunderkind der Kohl-Ära? Hat mit 16 die ersten IT-Firmen gegründet (die Verträge mussten noch die Eltern unterzeichnen) und Millionen gemacht, mit 18 ein Büro in Hongkong eröffnet und immer dabei, wenn der Kanzler der Einheit mit einer Wirtschaftsdelegation nach China reiste. Inzwischen ist er Anfang 40, hat zwei epochale Pleiten hinter sich (2004 und 2009) sowie Prozesse wegen Veruntreuung und anderer Wirtschaftsdelikte, zu denen unsereins Mittel und Phantasie fehlen. Mittlerweile residiert er in London, der Blick aus seinem Apartment auf den Hyde Park muss beneidenswert sein. Der Junge aus Rahden ist, siehe oben, nach wie vor mächtig im Geschäft, vielleicht kein Peter Pan, aber ein Stehaufmännchen. Seine Züge mögen ein wenig zu scharf geschnitten sein, aber ansonsten sieht er so aus, als könnte ihn Leonardo di Caprio für Scorsese spielen.

Als er im letzten Jahr die ersten Anteile an Hertha für seine gerade umbenannte Holding Tennor (zuvor hieß sie Sapinda – wer denkt sich eigentlich solche Namen aus?) erwarb, kommentierte die Fachpresse dies mit einiger Skepsis. Um gewarnt zu sein, hätte die Geschäftsführung einfach bei Vincent Maraval und den anderen Gründern von "Wild Bunch" nachfragen müssen. Dazu hätte sie nicht einmal in Paris anrufen müssen, ein Ortsgespräch hätte genügt, denn seit einigen Jahren hat die Firma ihren zweiten Sitz in Berlin. Die Nachricht, die Anfang dieses Monats durch die Presse ging, müssen Maraval und Co ein Déjà vu erlebt haben: Windhorst hat entschieden, die für den Oktober vereinbarte Tranche von 100 Millionen Euro vorerst nicht zu zahlen.

Eine Holding wie Sapinda bzw. Tennor ist breit aufgestellt. Sie spekuliert auf den Handel mit Rohstoffen, kauft Werften, investiert in defizitäre Unternehmen, die in Italien Unterwäschenmode herstellen oder in den USA elektronische Fußfesseln. Windhorst war auch Aktionär von "Senator Film", mit der "Wild Bunch" 2014 fusionierte. Die für den September 2015 versprochenen 20 Millionen Euro zahlte der eloquente Charmeur jedoch erst mit einer Verspätung von sechs Monaten, was Wild Bunch fast in den wirtschaftlichen Abgrund stürzte. Früher machte in der Filmproduktion das geflügelte Wort des stupid german money die Runde. Windhorst hingegen ist smart, was im Endeffekt aber auch verheerend sein kann.

Maraval, Brahim Chioua, Vincent Grimond und Alain de la Mata gründeten die Firma 2002. Die Vier kannten sich, seit sie bei Studio Canal gearbeitet hatten, der Filmsparte des Bezahlsenders Studio Canal. In der Branche hatte das Gespann einen exzellenten Ruf. "Wild Bunch" (Sie haben richtig geraten, der Name geht tatsächlich auf Peckinpahs Western zurück) avancierte, als Produktions- und Verleihfirma, zu einem Mini-Major in Frankreich und einem der wichtigsten Weltvertriebe überhaupt. Es fing prächtig an, man brachte Filme von Hayao Miyazaki, Michael Moore, Ken Loach, Christian Mungiu, James Gray, Xavier Beauvois und anderen heraus. Mit Nanni Morettis »Das Zimmer des Sohnes« fing der beispiellose Lauf an, den Wild Bunch in Cannes hatte. Mit Ausnahme des Jahrgangs 2005 war sie seither bei jeder Ausgabe des Festivals mit zumindest einem Film vertreten. 2019 waren es 13 Titel in diversen Sparten, darunter »Parasite«, der Gewinner der Goldenen Palme. Maraval hat einen besonderen Draht zum Festivalleiter Thierry Frémaux. Als dieser »The Artist« von Michel Hazanavizius erst nur Außer Konkurrenz zeigen wollte, überredete er ihn, den Film doch in den Wettbewerb aufzunehmen. Das mündete zuerst in einen Darstellerpreis für Jean Dujardin und in der Folge fünf Oscars und einen ungeahnten Blockbustererfolg: weltweit über 100 Millionen Dollar Einspiel für einen Stummfilm in Schwarzweiß, wer hätte sich das je erträumt?

Maraval ist ein Produzent mit Instinkt und enormer Risikobereitschaft. Die zwei Zündschnüre, die in ihrem Logo abbrennen, zeugen davon. Als Abdellatif Kechiche den Drehplan bei »Blau ist eine warme Farbe« heillos überzog (kein Drehbuch, renitente Darstellerinnen, unzählige Takes), behielt Maraval einen kühlen Kopf. Noch eine Goldene Palme, wenn auch eine ungeliebte. Bei aller notwendigen Mischkalkultation hat die Firma ein großartiges Profil und bringt intelligente, eigenwillige Filme heraus. Auch die DVD-Sparte »Wild Side« verrät einen exzellenten Geschmack, wenngleich dieser Markt angeblich ja tot ist. Die Fusion mit Senator schien eine Hochzeit zu werden, die im Himmel geschlossen wurde. Die Berliner Firma hatte mit »Ziemlich beste Freunde« einen noch immer unvorstellbaren Erfolg: Neun Millionen Zuschauer in Deutschland, das ist noch viel verblüffender als die 19 Millionen, die er in Frankreich hatte. Allerdings passten die Partner auch insofern zueinander, weil sie durch jeweils einen Blockbuster in nicht nur eine neue Dimension geriet, sondern auch aus der Bahn. "Senator" konnte den Erfolg von »Ziemlich beste Freunde« nicht wiederholen, wie auch. "Wild Bunch" wiederum produzierten »Asterix und Obelix – Im Auftrag Ihrer Majestät« mit einem Budget von 60 Millionen Euro, die sich höchstens amortisiert hätten, wenn der Film in Frankreich statt der erreichten vier über sechs Millionen Zuschauer gehabt hätte.

Seither gilt Windhorst als der "Phantom-Investor" bei "Wild Bunch". Niemand kann oder will genau sagen, welche Rolle er tatsächlich in ihren Geschicken spielt. Mehrere Interviewanfragen von mir wurden sehr höflich abgewiesen (vielleicht war Maraval ja wirklich gerade in dem Moment in Los Angeles, Rom oder Asien.) Vor drei Jahren wurde Windhorst, unter vorgehaltener Hand, noch als der veritable Herr über die finanziellen Belange der Firma gehandelt. Im Januar 2018 dann wurde bekannt, dass sechs Klagen gegen ihn anhängig sind, unter anderem fordert ein ehemaliger Geschäftspartner 60 Millionen Euro von ihm zurück. Die "Financial Times" berichtete damals, sein Privatjet sei neben anderen Werten gepfändet worden. Wild Bunch hat 2019 seinen Status als paneuropäische Holding noch ausgebaut. Neben "Vertigo Film" in Madrid gehört nun auch "BIM Produzione" in Rom zu dem Imperium. Das war vor Corona und nach dem Triumph von »Parasite«. Haute raunt man sich in den Büros in Paris und Berlin vielleicht den Schlussdialog aus Peckinpahs Film zu: "Es ist nicht mehr das, was es einmal war. Aber es reicht noch." Und was Hertha angeht: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.

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