Die Kinder des Puzzles

Francois Truffaut war überzeugt davon, dass »Citizen Kane« der Film war, "der am meisten junge Leute veranlasst hat, sich dem Beruf des Regisseurs zuzuwenden." Ich mag diese umständliche Formulierung, die dem Faszinosum und dem Phänomen eine gewisse Sachlichkeit verleiht.

»Citizen Kane« ist schwer beizukommen. Für Truffaut und seine Zeitgenossen muss er so etwas wie der "totale Film" gewesen sein: Als er seinen Einfluss postulierte, war ihm natürlich zugleich das Paradoxon bewusst, dass Welles' Inszenierungsstil unnachahmlich war. Am vergangenen Freitag ist nun »Mank« bei Netflix gestartet, der von der grundlegenden (aber nicht zwangsläufig entscheidenden) Phase seiner Entstehung handelt. Der Widerhall, den seine Veröffentlichung in der deutschen, französischen und angloamerikanischen Presse findet, entspricht dem Furor, den der Kinostart eines solchen Films in normalen Zeiten auslösen würde. In einigen Territorien ist er ja tatsächlich auf der großen Leinwand zu sehen. Ich nehme an, dass nicht wenige Netflix-Kunden danach den Wunsch hatten, sich das Original/den Auslöser anzuschauen. Ein wesentlicher Anreiz des Films von David und Frank Fincher ist die Weiterung: Man will mehr darüber erfahren.

Ich jedenfalls bekam Lust, Truffauts Aufsatz "Citizen Kane, der zerbrechliche Riese" erneut zu lesen. Ich habe noch die alte Ausgabe seiner Textsammlung "Die Filme meines Lebens"; seither ist die Übersetzung von 1976 überarbeitet und bestimmt verbessert worden. Truffauts Hommage ist eine verlockende Anschlusslektüre, die ich Ihnen wärmstens empfehle. Darin geht es um die Entdeckung und augenblickliche Kanonisierung des Films in Frankreich, wo er mit einiger Verspätung nach Befreiung und Kriegsende herauskam. Truffaut rekapituliert, wie unterschiedlich er selbst diesen Film in drei Phasen seines Lebens sah: als junger Zuschauer, als Kritiker und dann als Filmemacher. Zugleich spricht er im Namen einer ganzen, eben seiner Generation, die einen.präzedenzlos hohen Grad der Identifikation mit dem Regisseur verspürte, dessen "unverschämte Jugendlichkeit" ihn als einen Komplizen erscheinen ließ.

Als Miterfinder der "politique des auteurs" verliert er kein Wort über Herman J. Mankiewicz und schreibt den Erfindungsreichtum des Drehbuchs allein dem Genie des Regisseur zu. Insbesondere seine "legendäre Frühreife" habe es Welles ermöglicht, ein ganzes Leben, von der Kindheit bis zum Tod, zu erfassen. Truffaut hat seinen Aufsatz 1967 verfasst, also vor Pauline Kaels Essay, aber gewiss hätte er seine Position auch danach nicht revidiert.

Für Fincher père et fils hält die Entstehung von »Citizen Kane« andere Formen der Identifikation bereit als für Truffaut. Der Vater wollte den Titel stiftenden Drehbuchautor rehabilitieren, der Sohn hegt als Meister erzählerischer Labyrinthe wahrscheinlich eine mehr ästhetische Neugierde. In ihrem Film nennt der als Drehbuchlektor fungierende John Houseman die Struktur der multiplen Rückblenden "a bit of a jumble – one needs a road map". Das Scenario stellt eine nicht weniger große Herausforderung dar wie die gigantischen Puzzles, mit denen die zweite Frau Kanes die Zeit in Xanadu totschlagen muss. Diese verschlungene Erzählung stürzte übrigens, wie Truffaut berichtet, nicht die französischen Filmkritiker seinerzeit in erhebliche Verwirrung: Sie konnten sich keinen Reim darauf machen, ob mit "Rosebud" nun die Glaskugel oder der Kinderschlitten gemeint war.

Für die opake Erzählstruktur, die ein Leben filmisch zusammenrafft, gab es literarische Vorbilder, aber nur ganz wenige filmische. Eines konnte ich in meinem Essay zu »Mank« im aktuellen Heft aus Platzgründen nicht mehr unterbringen: "The Power and the Glory" von 1933, den Mankiewicz' Freund Preston Sturges schrieb, als beide bei Paramount arbeiteten (in Kaels Argumentation spielt er eine zentrale Rolle). Ein weiteres fiel mir erst später ein: »La Signora di tutti« von 1934 (Eine Diva für alle, Regie: Max Ophüls). Ob es weitere gibt? Ich bezweifle es, lasse lasse mich aber gern eines Besseren belehren.

Gleichviel, man darf »Kane« als einen Bahnbrecher betrachten, der ungeheuren Einfluss ausübte. Augenblicklich schlug er sich im Film noir der 1940er nieder, der deliriert in der Konstruktion fatalistischer Rückblenden, die ihre Geschichten gleichsam aus der Sicht von Todgeweihten rekapitulierten. Manks eigenes Drehbuch zu »Christmas Holiday« (Weihnachtsurlaub, Regie Robert Siodmak) ist da noch vergleichsweise unkompliziert. Die prismatische erzählte Biographie in »Die Maske des Dimitrios« mag zwar bereits in Eric Amblers Roman (der während der Drehbucharbeit zu »Citizen Kane« erschien) angelegt sein. Aber diese im Kino beizubehalten, hätte man sich bei Warner Brothers vorher wohl nicht getraut. In Hemingways Kurzgeschichte "The Killers" gab es dergleichen noch nicht., die ist linear und lakonisch erzählt. Das oscarnominierte Drehbuch, das John Huston, Anthony Veiller und Richard Brooks für die erste Verfilmung (Rächer der Unterwelt, Regie wiederum Siodmak) schrieben, fächert die Vorgeschichte des Mordes an dem "Schweden" jedoch vielfältig auf, in dem es einen Versicherungsagenten erfindet, der beharrlich Zeugen befragt.

Bevor ich mich mit »Mank« beschäftigte, hatte ich, dem Zufall sei Dank, gerade »J. Edgar« gesehen, der sich unverhofft als Variante des "Kane"-Prinzips entpuppte; bis hin zu den erbarmungswürdigen Masken, die Leonardo di Caprio und Armie Hammer im Alter tragen müssen. Dustin Lance Blacks Drehbuch ist entlang einer fiktiven und höchst beschönigenden Autobiographie konstruiert, die FBI-Chef Hoover wechselnden Agenten diktiert. Wiederum ein monströser Machtmensch mit dominierender Mutter, der von allen geliebt werden will und dessen engster Freund ein zu schwaches moralisches Korrektiv ist. Die offensichtlichen Parallelen weckten meine Neugier. Ich startete eine kleine Umfrage zu dieser Wirkungsgeschichte unter Freunden und Kollegen. Die ersten Hinweise führten zu "Rashomon" (gut möglich, dass Kurosawa "Kane" kannte, aber sein Thema letztlich ein anderes) und, ungleich verblüffender, »Velvet Goldmine« von Todd Haynes. Rasch folgten »Nixon«, »Der Pate II«, »Raging Bull« und die Behauptung, praktisch alle Regisseure des New Hollywood seien von "Kane" beeinflusst. Zugleich blieb die Spur, die er in der Filmgeschichte hinterließ, gewissermaßen auch in der Familie. Welles griff das Erzählmodell noch einmal in »Mr. Arkadin« auf; Herman J.Mankiewicz' Bruder Joseph L. folgte ihm in »Alles über Eva« sowie »Die barfüßige Gräfin« (putzig, was Truffaut in „Die Filme meines Lebens über die Verwirrung schreibt, die er in den Kinos der Champs Elysées stiftete) und Robert Wise, der Cutter von »Citizen Kane«, erinnerte sich seiner, als er Ende der 60er sein Musical-Fiasko »Star!« drehte. »Lola Montès« fiel mir dann schließlich noch selbst ein, sozusagen Ophüls' Auto-Remake von »La Signora di Tutti«.

In Komödien findet sich diese Erzählstruktur selten. Sie funktioniert einfach nicht so gut, wie beispielsweise »Vergiss Paris« (Regie: Billy Crystal) zeigt. Diese Konstruktion verlangt nach einer dramatischen Fallhöhe, ihre Logik basiert auf Aufstieg und Niedergang. Ihr Impuls ist die Entlarvung. Auf ein glückliches Ende strebt sie fast nie zu. Das Hollywood-Melo »The Bad and the Beautiful« (Stadt der Illusionen) von Charles Schnee und Vincente Minnelli mag mit seinem finalen, heiteren Dreh trotzig dagegenhalten. Aber es ist letztlich eine elegische, pessimistische Form: Sie ist von der Konsequenz her gedacht.

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