Akademischer Wandel

Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences wird internationaler. Die Hälfte der neu berufenen Mitglieder stammt nicht aus den USA, sondern 68 anderen Nationen. Damit steigt der Anteil ausländischer Mitglieder auf rund ein Fünftel. Es ließ sich nicht vermeiden, dass unter den Neuzugängen auch ein paar ältere (Udo Kier beispielsweise) und noch nicht ganz so alte (Carlo Chatrian etwa, der aktuelle künstlerische Leiter der Berlinale) weiße Männer sind; der Anteil der in diesem Jahr berufenen Frauen liegt bei 45 Prozent.

Vielfältiger will die Filmakademie schon seit Längerem werden, spätestens seit sie vom Hashtag #OscarsSoWhite aufgeschreckt wurde. Vor acht Jahren waren noch 92 Prozent ihrer Mitglieder weiß, 77 Prozent männlich und der Altersdurchschnitt betrug 62 Jahre. Die Namen ihrer Mitglieder hält die Akademie im Prinzip geheim, die der neuen erfährt man eigentlich erst, seit mit ihnen Zeichen gesetzt werden können für mehr Diversität. Mit diesem Zugewinn wird sie stetig größer, gehören ihr 10000 Mitglieder an, vor vier Jahren waren es noch 7000. Kann eine solche Institution aus den Nähten platzen?

Ein Kriterium für die Berufung ist eine vorherige Oscar-Nominierung, die Akademie steht aber auch offen für Persönlichkeiten, die sich anderweitige Verdienste um die Filmkunst erworben haben (wie Chatrian als Leiter von Locarno). Berufen wird man auf Lebenszeit, kann allerdings aus schwerwiegenden Gründen ausgeschlossen werden (wie Roman Polanski) oder austreten (was wahrscheinlich selten vorkommt). Wer drin ist, ist drin. In den letzten Jahren wurde gelegentlich diskutiert, ob es nicht weitere Ausschlusskriterien geben sollte. Ein mögliches wäre mangelnde Aktivität: Hat sich ein Mitglied, das seit mehr als fünf Jahren an keinem Film mehr beteiligt war, nicht schon zu sehr von der Branche (und dem Zeitgeschmack) entfernt, um noch über die besten Filme des Jahres abzustimmen? Dieser Vorstoß zielt insgeheim auf die Altersfrage und wendet sich gegen den notorisch konservativen Geschmack, den die Akademie bislang bei ihren Voten zeigt. Er stellt einen unziemlichen Affront gegen verdiente Veteranen dar. Ein Norman Jewison beispielsweise (ich nehme mal an, er ist Akademiemitglied) dürfte das als tiefe Kränkung empfinden. Zudem widerspräche dieses Aussortieren dem Gebot der Repräsentanz - auch ältere Leute gehen schließlich ins Kino und müssen nicht zwangsläufig den Anschluss zu den aktuellen Strömungen verlieren.

Nein, ich glaube, die demographische Zusammensetzung wird bald eine organische Entwicklung nehmen: vielfältiger, zeitgenössischer und mit Blick über den Tellerrand Hollywoods hinaus. Es ist vielleicht noch etwas zu früh, um die Auswirkungen dieser stetigen Erneuerung abzuschätzen. Aber die Öffnung hat bereits Früchte getragen: »Parasite« als Bester Film des Jahres stellt doch bereits einen enormen Fortschritt gegenüber dem Vorjahressieger »Green Book« dar.

Auch in der französischen Filmakademie herrscht momentan eine existenzielle Verunsicherung (siehe »Der Lärm nach dem Sturm« vom 4.3.). Nun hat der Verband, der die César-Verleihung organisiert, seine Statuten verändert. Nach der Revolte die Reform. Bis zum Februar war er von dem Präsidenten Alain Terzian sehr patriarchal und höchst undurchsichtig geführt worden. In Zukunft sollen Entscheidungen transparenter und basisdemokratischer gefällt werden. Bis Anfang September sollen die rund 4700 Mitglieder (davon 4313 stimmberechtigte) insgesamt 170 Repräsentanten aus allen künstlerischen Bereichen wählen, die eine Generalversammlung bilden. Diese wird für vier Jahre gewählt und ernennt den Verwaltungsrat, dessen Amtszeit zwei Jahre beträgt und einmal verlängert werden kann. Ferner wählt sie das Präsidium, das aus einem männlich-weiblichemTandem bestehen wird. Auf allen Entscheidungsebenen wird fortan Geschlechterparität herrschen. Das klingt erst einmal nach einer rein bürokratischen, strukturellen Maßnahme. Aber sie stellt die Reformen auf solide Beine und könnte eine wirkliche Erneuerung der Association zeitigen. Der Branche, die sie abbildet, ist klar, dass sie an Relevanz und frischem Elan gewinnen muss. Die Mitgliederzahl wird erhöht mit dem Ziel größerer Diversität und Repräsentanz. Angehören können ihr auch weiterhin nur heimische Filmkünstler. Internationaler wird die Filmakademie also nicht werden, aber hoffentlich französischer.

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