Vier im roten Kreis

Es gibt gewiss nur wenige Gesellschaftsspiele, die für sich beanspruchen dürfen, dass ihre Regeln der wissenschaftlichen Methodik entsprechen, die sowohl Mathematiker wie Soziologen anwenden. Vielleicht gibt es sogar nur ein einziges: Six degrees of Separation. Vor ein paar Jahrzehnten war es, nach dem Erfolg von John Guares gleichnamigem Bühnenstück (und trotz des Misserfolgs der Verfilmung mit Will Smith), in Hollywood sehr in Mode; Kevin Bacon soll zeitweilig ein wahrer Champion dieses anspruchsvollen Zeitvertreibs gewesen sein.

Der Begriff "Separation" ist indes missverständlich. Tatsächlich geht es um das Gegenteil: Die Prämisse des Spiels sowie der wissenschaftlichen Disziplinen ist die Vorstellung, dass sich in höchstens sechs Schritten eine Verbindung zwischen einem beliebigen Erdenbewohner zu einem anderen herstellen ist. Laut Wikipedia geht diese Idee auf den ungarischen Schriftsteller Frigyes Karinthy zurück, der sich zehn Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs Gedanken machte über eine rasch zusammenwachsende Welt. Als er 1929 seine Überlegungen in einer Kurzgeschichte veröffentlichte, waren drei der vier Persönlichkeiten bereits geboren, die Gegenstand dieser kleinen Betrachtung sind. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie auf ruhmreiche Karrieren im Filmgeschäft zurückblicken können und in den letzten Tagen gestorben sind: Den Anfang machte Albert Finney, der jüngste unter ihnen, dann folgten der Regisseur Stanley Donen, das Multitalent André Previn und schließlich die französische Produzentin Mag Bodard. (Über diese famose Dame habe ich hier vor drei Jahren aus erfreulicherem Anlass geschrieben: "Neun Kerzen für eine Hundertjährige" vom 8. 1. 2016.) Üblicherweise spekuliert man bei mehreren Todesfällen in der Filmbranche immer über den Dritten, der folgen wird. Diese nachgerade melvillesche Verdichtung hingegen verleitete mich zu dem Gedankenspiel, was die Verstorbenen noch verbinden könnte.

Da die Welt des Kinos noch viel kleiner ist, müssten eigentlich schon ein, zwei Schritte genügen. Es ist unstrittig, dass sich einige von ihnen tatsächlich begegnet sind. Finney spielt in Donens raffiniertestem und melancholischstem Film die Hauptrolle, »Zwei auf gleichem Weg«; der Regisseur und Previn wiederum arbeiteten nicht nur lange Zeit für das selbe Studio, sondern auch gemeinsam an mindestens zwei Filmen, darunter »Vorwiegend heiter«. Das wäre es dann aber auch schon an verbürgten Zusammentreffen. Ab jetzt kann man spekulieren. So ist nicht beispielsweise auszuschließen, dass Finney die französische Produzentin kannte, da er immerhin ein paar Jahre mit Anouk Aimée verheiratet war, die die Hauptrolle in einem ihrer besten Filme spielt, »Ein Abend....ein Zug«. Und Bodard wird mit Donens Werk bestens vertraut gewesen sein, schließlich hat sie die schönste europäische Hommage an das Hollywoodmusical produziert, »Die Mädchen von Rochefort«, wo Donens alter Freund und Co-Regisseur Gene Kelly einen prächtigen Auftritt hat. Ganz auszuschließen ist natürlich ebenfalls nicht, dass die übrigen Drei das eine oder andere Konzert besucht haben, das Previn dirigierte; von dem Erwerb seiner Alben mal ganz abgesehen.

Was ergibt sich, wenn man die Filmographien durchforstet und abgleicht? Gehen wir alphabetisch vor. Mag Bodard hat »L'ours et la poupée« produziert (komisch, obwohl Bardot dessen Star war, ist er offenbar nie in Deutschland herausgekommen), in dem Jean-Pierre Cassel die männliche Hauptrolle spielt, einer der trefflichen Gegenspieler Finneys in »Mord im Orient Express«. Ihr bevorzugter Kameramann Ghislain Cloquet setzte das Licht für »Die letzte Nacht des Boris Gruschenko«, den Woody Allen allerdings vor seiner mulmigen Verbindung zu Previns dritter Ehefrau Mia Farrow drehte. Ihr Hauskomponist war Michel Legrand, der eine funkelnde Partitur zu »The Picasso Summer« schrieb, wo Finney die Hauptrolle spielt.

Bei Stanley Donen fallen mir auf Anhieb nicht so viele weitere Kettenglieder ein. Er hat mehrfach mit Audrey Hepburn gedreht, die zwischendurch in »My Fair Lady« glänzt, für den Previn einen Oscar gewann. Aber ihre Verbindung ist schon etabliert, ebenso wie die zu Finney, der in »Mord im Orient Express« auch an Ingrid Bergman gerät, Donens Star aus »Indiskret«.

Aus Albert Finneys Filmographie wiederum ergeben sich mehr Verkettungen. Beinahe hätte er Mia Farrow in »Tod auf dem Nil« des Mordes überführt, wenn er nicht vor der Fortsetzung seiner Hercule-Poirot-Rolle zurückgeschreckt wäre (er hasste es, sich zu wiederholen, und das stickige Kostüm und die Maske waren schon im winterlichen "Orientexpress" schweißtreibend genug gewesen, da scheute er verständlicherweise die ägyptischen Temperaturen). Das mörderische Dutzend, mit dem er bei seinem ersten Auftritt als Poirot zu tun hatte, eröffnet weitere Verbindungen zu Previn, etwa Lauren Bacall, die eine hübsche Komödienrolle in »Warum hab' ich Ja gesagt!« hat, für den Previn einen Song schrieb. Finney wurde am selben Tag geboren wie Glenda Jackson, die weibliche Hauptdarstellerin von »Tschaikowski – Genie und Wahnsinn«, wo Previn als Dirigent fungiert. Er hat überdies zweimal mit Sidney Lumet gedreht, für den Previn die Partitur zu »Eines langen Tages Reise in die Nacht« dirigierte. Ein weiteres Bindeglied zwischen ihnen ist verborgen: Bevor Jacques Rivette nach wenigen Tagen die Dreharbeiten zu »Histoire de Marie et Julien« abbrach, spielten Finney und Leslie Caron (»Gigi« - Previn erhielt einen Oscar für die Musikadaption; »Die Kellerratten«, Previn dirigierte) die Titelrollen.

Man merkt rasch: je länger de Filmographien, desto unvermeidlicher sind die Querverbindungen. Für André Previn lässt sich darüber hinaus noch ein Glied zu dem britischen Schauspieler herstellen. 1973 komponierte er ein Bühnenmusical , »The Good Companions«, dessen Libretto Ronald Harwood schrieb. Mit dem Dramatiker und Drehbuchautor ist Finney durch »The Dresser« (»Ein ungleiches Paar«) und »The Browning Version« (»Schrei in die Vergangenheit«) eng verbunden. Aber beenden wir das Spiel an dieser Stelle. Die wichtigste Begegnung im Leben eines Künstlers findet nicht mit anderen statt, sondern bei der Entdeckung des eigenen Talents.

 

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