Schicklichkeit

Im nächsten Frühjahr wird in der Cinémathèque francaise eine Ausstellung über Louis de Funès gezeigt. Bereits im letzten März kursierten Gerüchte, nun steht das Datum endgültig fest. Es lässt einige Kollegen vermuten, das Ganze sei ein Scherz: Sie läuft am 1. April an, begleitet von dem üblichen Rahmenprogramm, einer Retrospektive, Vorträgen und Diskussion.

Da wird sicher heftig diskutiert werden. Schon im März löste das Vorhaben in Paris eine kleine Polemik aus. Was haben die (allerdings epochalen) Kassenschlager »Die große Sause« und »Der Gendarm von Saint Tropez« in diesem Tempel der 7. Kunst verloren? Wie kann die Institution sich nur auf ein solch populäres Niveau herablassen? Besonders empört war Jean-Christophe Ferrari, der in dem Magazin "Transfuge" darin das Indiz einer neuen, falschen, charakterlosen "Schicklichkeit" sah. (Die letzten beiden Adjektive habe zugegebenermaßen ich hinzugefügt, da mir zunächst nicht ganz klar war, was an Schicklichkeit denn so schlimm sein sollte.) Tatsächlich meint er damit eine Haltung, die alles zulässt, der alles gleich ist und die keine künstlerischen Hierarchien mehr anerkennt. Was kommt als Nächstes, fragt er besorgt, eine Chuck-Norris-Retrospektive?

An diesem Wochenende veranstaltete das Festival in La Rochelle eine Hommage an de Funès und feierte ihn gemeinsam mit einem anderen begnadeten Grimassenschneider, Jim Carrey. Als Probelauf für den nächsten April scheint das gut funktioniert zu haben. In "Le Monde" erschien ein Festivalbericht, der sich um Unvoreingenommenheit bemühte und wurde flankiert vom Interview mit dem Regisseur Serge Korber, der auf dem Festival zu Gast war. Korber bewegte sich anfangs mal im Umfeld der Nouvelle Vague (Truffaut stellte ihn zeitweilig als Assistenten in seiner Produktionsfirma ein) und dessen Karriere dank der Arbeit mit dem Komiker einen kurzen, aber beträchtlichen Auftrieb erlebte, bevor er sich dann dem Pornofilm zuwandte. La Rochelle ist bekannt für eine stets überraschende, ausgesucht cinéphile Programmgestaltung, die der Vielfalt Rechnung trägt. In diesem Jahr liefen neben aktuellen Filmen Hommagen an Dario Argento, die Kamerafrau Caroline Champetier, Jessica Hausner sowie Retrospektiven des Werks von Kira Muratowa und der Stummfilme Victor Sjöstroms.

Vor wenigen Tagen erschien in "Le Monde" ein weiterer, bemerkenswerter Artikel, der in keinem direkten Zusammenhang mit der de-Funès-Debatte steht, aber einen schönen Lösungsansatz anbietet. Die Drehbuchautorin und Regisseurin Axelle Ropert beklagt in einem Kommentar vom 3. Juli, wie sehr die Vielfalt im französischen Kino momentan bedroht sei. Das ist sie eigentlich immer, aber sie hält sich traditionell ja ganz gut. Ropert benennt die aktuellen Probleme sehr genau, den Rückgang der Budgets für Autorenfilme, die massiven Angriffe der Politik auf das bisherige Fördersystem etc. Sie schreibt als Filmemacherin, die auch im Namen ihrer Branche spricht.

Die Ko-Existenz zwischen populärem und Autorenkino ist in Frankreich naturgemäß so heikel wie überall, steht aber auf recht soliden Füßen. Im gleichen Jahr, in dem Pierre Lhomme (siehe den gestrigen Eintrag) einen Film von Robert Bresson ausleuchtete, drehte er auch einen Thriller mit Charles Bronson. Alain Resnais war ein großer Fürsprecher der Populärkultur. Und Olivier Assayas freute sich in einem Interview vor ein paar Jahren aufrichtig für seinen Cutter Luc Barnier, dass er gerade einen so großen Erfolg mit »Willkommen bei den Sch'tis«. Dany Boon hingegen ärgerte sich wahnsinnig, dass sein Film bei der César-Verleihung schnöde übergangen wurde und forderte die Filmakademie (übrigens eine Gründung von de Funès' Agenten Georges Cravenne) auf, eine Kategorie für die beste Komödie einzuführen. Um den umstrittenen Komiker ein vorletztes Mal ins Spiel zu bringen: Francois Truffaut war ein großer Fan von »Louis, das Schlitzohr«.

Da sprach er als Zuschauer. Das tut Axelle Ropert, die ein gutes Händchen für Komödien hat, ebenfalls. Sie lässt das letzte Kinojahr Revue passieren und betont, dass sie die verdrossene Mimik von Christian Clavier ebenso schätzt wie die Abgehobenheit Isabelle Hupperts. Sie feiert die Drehbuchfinessen des Duos Nakache & Toledano im gleichen Atemzug wie die erotischen Obsessionen von Yann Gonzalez und die aufrechte Moralität von Francois Ozon. Ich finde ihr Plädoyer für die friedliche Ko-Existenz des Disparaten vorzüglich. Aus ihm spricht nicht nur das Zusammenrücken der Branche, sondern Großherzigkeit. Ihr Esprit ist frei. Sie will nicht das Eine gegen das Andere ausspielen. Allein langweilt man sich, in guter Gesellschaft lebt es sich aufregender. Zwischendrin wird sie wunderbar radikal: "Ohne Bresson ist Louis de Funès nichts, und umgekehrt."

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