Ein Königskind

Er hat sein Haus gründlich bestellt. Gleich zwei Autobiographien hat er innerhalb von fünf Jahren veröffentlicht, in denen er sein Leben ganz unterschiedlich erzählt. Es gelang ihm, Lücken in der Edition seiner Jazz-, klassischen und Filmmusik zu schließen. Er fing an, mit einer neuen Generation von Regisseuren zu arbeiten und komponierte die Musik zu einem Film, den es eigentlich nicht geben dürfte. Im letzten Monat gab er in Paris noch eine Reihe von Konzerten. Der schönste Eintrag auf dieser Liste des Vollendeten ist, dass Michel Legrand nach 50 Jahren die Frau seines Lebens wiederfand.

1964 waren Macha Méril und er sich zum ersten Mal auf einem Filmfestival in Rio begegnet. Die Schauspielerin war dort mit einer Komödie von Michel Deville vertreten, der Komponist stellte gemeinsam mit Jacques Demy und Catherine Deneuve »Die Regenschirme von Cherbourg« vor. Sie verstanden sich gut, hatten sich viel zu erzählen. Der Weg, den sie und er bis dahin genommen hatten, war ein Quell wechselseitiger Faszination. Der Bossa Nova beschwingte sie. Nach einem Kuss an der nächtlichen Copacabana hielten sie inne. Sie war verlobt, er Familienvater. Sein Herz war zerrissen, schreibt Legrand. Als er nach Paris zurückflog, nahm er sich vor, sie zu vergessen und wusste, dass es nicht gelingen würde.

Beider Karrieren nahmen danach enorm an Fahrt auf. Sie spielte viel im Theater und trat bei Luis Bunuel, Maurice Pialat, Dario Argento und Fassbinder auf sowie in »Vogelfrei« von Michel Legrands guter Freundin Agnès Varda; zuletzt war sie in »Monsieur Pierre geht online« sehen. Wie es mit ihm weiterging, ist in den Nachrufen zu lesen, die nun nach seinem Tod am frühen Samstagmorgen erscheinen; hier zu Lande freilich nur spärlich. Welche Freude es war, ihn im Konzertsaal zu erleben, können sie in meinem Eintrag »Die Kunst des Entgegenkommens« vom 4. 11. 2015 erfahren. Auf dem Foto, das die Redaktion dazu stellte, sind beide zu sehen: ein glückliches Paar, das auf je eigene Weise lächelt.

Bevor Macha und Michel im Herbst 2014 heirateten, begegneten sie sich ein paar Mal kurz; bei den üblichen Anlässen. Ich glaube, einmal komponierte er auch die Musik zu einem Film, in dem sie mitspielt. Das Vergessen gelang auch ihr nicht. 2013 sollte er die Musik für ein Theaterstück schreiben, in dem sie die Hauptrolle spielte. Er versäumte keinen Tag der Proben. Ein paar Wochen später reisten sie noch einmal nach Rio de Janeiro. Eine solche Liebesgeschichte der verpassten Rendezvous und vereitelten Chancen hat Jacques Demy oft erzählt, natürlich immer zusammen mit seinem Komplizen Legrand: in »Lola, das Mädchen vom Hafen« und noch schöner bei der Wiederbegegnung von Danielle Darrieux und Michel Piccoli in »Die Mädchen von Rochefort«. Ich glaube, Demy war es gar nicht so wichtg, ob das gut ausging. Bei ihm spürt man, dass es auch ein Glück sein kann, das Glück zu wollen.

In Legrands Musik ist die Melancholie immer nur die Kehrseite der Freude, nie deren Gegenteil. Das macht sie zum funkelnden Soundtrack seines Lebens, ihres Lebens. Es hat sich trefflich abgerundet. In den letzten Jahren schloss er eine geballte Ladung Lebenswerk ab. Er hat seine drei größten Erfolge mit Demy auf die Bühne gebracht, die »Regenschirme«, die »Mädchen« und »Eselshaut«. Der Regisseur Xavier Beauvois holte ihn zurück ins Kino, mit zwei wunderbaren Filmen, die bei uns nicht liefen. Er fand neue, glühende Bewunderer: Damien Chazelle, dessen »La La Land« ohne das Gespann Demy-Legrand nie entstanden wäre, schrieb das dankbare Vorwort zu seiner zweiten Autobiographie. Mit seinem letzten Score konnte Michel Legrand noch postum einen Wunsch erfüllen: den von Orson Welles, der unbedingt wollte, dass der Franzose »The other Side of the Wind« vertont. Über ein solches Leben zu schreiben, ist auch ein Glück.

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