Der wache Riese

Während des Kalten Krieges war China die große, schwer kalkulierbare Variable im Gleichgewicht des Schreckens. Eine heimliche Hoffnung des Westens bestand darin, die Volksrepublik würde die geopolitischen Ambitionen der Sowjetunion in Schach halten. Allerdings verbanden sich mit dem vermeintlich schlafenden Riesen aus westlicher Sicht auch diffuse, aber tiefgreifende Ängste.

In Ingmar Bergmans »Licht im Winter« gerät ein von Max von Sydow gespielter Fischer in eine existenzielle Krise, weil er gehört hat, die Chinesen würden zum Hass erzogen. Nachdem ihm der Pastor (Gunnar Björnstrand) keinen echten Trost spenden kann, begeht der Verzweifelte Selbstmord. Durch die Romane Kurt Vonneguts geistern demgegenüber eher burleske Sorgen. In "Slapstick" schließt die Volksrepublik massenweise Gehirne zusammen, die als ein einziges, geniales denken sollen. In einem anderen Buch, es könnte "Frühstück für Champions" sein, ist von einem diabolischen Plan die Rede, demzufolge sämtliche Chinesen in die Luft springen sollen, um die Erde aus ihre Umlaufbahn zu katapultieren. Heute schürt das Land, insbesondere sein Filmmarkt, andere Phantasien. Allerdings sind auch sie an die kaum vorstellbare Masse seiner Einwohner geknüpft.

Vor ein paar Jahren schickte sich die Volksrepublik an, ein noch umsatzstärkerer Markt als die USA zu werden. Das hat bisher noch nicht ganz funktioniert, könnte aber mittelfristig immer noch passieren. 2018 wurden 9000 Kinos neu eröffnet, in der ersten Jahreshälfte 2019 waren es rund 3500. Zwar ist auch der Umsatz in diesem Zeitraum zurückgegangen, aber das könnte eine konjunkturelle Schwankung sein und muss noch nicht bedeuten, dass die Grenzen des Wachstums erreicht sind. Selbst wenn dem nicht so wäre, darf einen die Frage schon intrigieren, woher kommen die ganzen Kinogänger? Was haben sie früher gemacht? Eine mögliche Erklärung wäre, dass sie ihre Schaulust zuvor hinreichend mithilfe der grassierenden Filmpiraterie gestillt haben. Haben wir es nun also mit lauter Geläuterten zu tun, die das Kino wieder als Gemeinschaftserlebnis entdecken? Sie wären, romantisch gesprochen, die Speerspitze der Hoffnung eines Mediums, dessen Tod gerade wieder einmal vorhergesagt wird.

Mit den Begehrlichkeiten, die dieses Phänomen in Hollywood weckt, habe ich mich an dieser Stelle schon ein-, zweimal beschäftigt. Der heutige Kinostart von »Berlin, I love you« bietet nun den traurigen Anlass, sich einmal mit den Phantasien zu beschäftigen, die der chinesische Markt bei hiesigen Produzenten wie etwa dem Studio Babelsberg schürt. Pünktlich zu diesem Termin erhielt ich eine Pressemitteilung der „Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle“, in der zu lesen ist, dass das europäische Kino für das Jahr 2017 einen Umsatzzuwachs von 18,7% vermelden darf. Hierbei hat der chinesische den US-Markt mittlerweile überrundet. Aktuellere Zahlen, zumindest von 2018, wären natürlich interessanter, aber wir bewegen uns eben auf einem noch schwer fassbaren Terrain.

In einem furios informativen Artikel zählt Hanns-Georg Rodek dieser Tage die Kaskade der Kotaus auf (https://www.welt.de/print/welt_kompakt/kultur/article197977839/Peking-ich-kuess-dir-die-Fuesse.html), zu denen die Produzenten von »Berlin, I love you« gegenüber China bereit waren. Das liest sich haarsträubend: Die Ai-Weiwei-Episode wurde in vorauseilendem Gehorsam gekürzt, die Presseabteilung wurde angewiesen, den Film nur Journalisten vorzuführen, die diese nicht erwähnen werden etc. Derlei Willfährigkeit ist schon insofern absurd, weil es höchst fraglich ist, ob der Film je auf den chinesischen Markt gelangen wird. Aber sie fügt sich in ein Stimmungsbild von Zensur und Repression, dem auch das aktuelle erpresserische Gebaren der Volksrepublik entspricht, die Bundestagsausschüssen die Einreise verweigern will, weil sich in ihren Reihen Abgeordnete finden, die unliebsame Fragen etwa zu Umerziehungslagern für Uiguren stellen.

Vor einigen Monaten bereits fragte mich der befreundete Redakteur eines Nachrichtenmagazins (der ebenfalls eine Geschichte über »Berlin, I love you« recherchierte), ob sich eine ähnliche Einflussnahme eigentlich auch bei der Berlinale erkennbar sei. Immerhin sei doch der Schmuckkonzern Tesiro einer der Hauptsponsoren. Zwei Filme, darunter »One second« von Zhang Yiumou, wurden bekanntlich in diesem Februar kurzzeitig aus dem Programm genommen, aus "technischen Gründen", wie es hieß. (Soweit ich weiß, gehörte Tesiro in diesem Jahr nicht mehr zu den Sponsoren.) Nun könnte man annehmen, die Marktmacht genüge fast schon als Drohkulisse genügen. Aber es bedarf noch entsprechender Gebärden.  In diesem Jahr wurden auf Pekings Geheiß bislang fünf Filme aus Festivalprogrammen inner- und außerhalb Chinas genommen, zuletzt Bong Joon-hos »Parasite«. Immer mit derselben Begründung. Aber was für technische Probleme kann es bei der Vorführung eines Films geben, der bereits in Cannes die Goldene Palme gewonnen hat?

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