Der Kulturkampf wird vertagt

Auch in meinem Freundeskreis gibt es zufriedene Netflix-Abonnenten. Zwei bezeichnen sich auf meine Nachfrage hin sogar als ausgesprochen glückliche Kunden. Einen solch glühenden Fürsprecher der Streamingplattform wie Alfonso Cuarón wird man freilich kein zweites Mal finden.

Gerade erst bei der Verleihung der Golden Globes am Montag wies der stolze Gewinner des Regiepreises einen Journalisten brüsk in die Schranken, der ihn gefragt hatte, ob der Streaming Dienst denn nicht der Totengräber des Independent-Kinos sei. Das war eine vielleicht unvorsichtige, aber nicht ganz unberechtigte Frage. Die Triumphe, die er mit „Roma“ feiert, liefern natürlich derzeit das beste Gegenargument dazu: eine stille Familiengeschichte aus Mexiko, in Schwarzweiß gedreht und mit Untertiteln - was für eine Chance hätte der andernfalls auf dem Kinomarkt gehabt? Cuaron hatte sechs potenzielle Verleiher kontaktiert, darunter Fox Searchlight, die allesamt ablehnten; er sieht Netflix in der Tat als einen Garanten für Vielfalt im Kinoangebot. Wie viele Zuschauer ihn tatsächlich in einem Kino gesehen haben, ist nicht bekannt – seit dem kapitalen Misserfolg von „Beasts of no Nation“ vor drei Jahren hält sich Netflix in diesem Punkt bedeckt -, aber das Einspiel dürfte erklecklich sein. Als ich ihn im letzten Monat in Berlin sah, war das Kino jedenfalls prächtig gefüllt. Das lag zum Teil gewiss daran, dass dies die letzte Gelegenheit war, ihn auf der großen Leinwand zu sehen, aber auch in den Vorstellungen davor war es nicht leicht, noch gute Plätze zu bekommen.

Das Fenster der Kinoauswertung erweitert sich für „Roma“ noch. Dem Regisseur ist es sogar gelungen, Netflix zu überzeugen, seinen Breitwandfilm in den USA in einigen 70mm-Kopien herauszubringen. Ich hätte vermutet, er würde mit diesem Wunsch sein Blatt überreizen. Aber die Plattform mit den tiefen Taschen war offenbar erfolgstrunken genug, um ihn zu erfüllen. Auch in der digitalen Projektion ist er natürlich atemraubend und ich bedaure ihn erst gesehen zu haben, nachdem ich meine diesjährige Bestenliste für epd Film erstellte. (Nur nebenbei:„Shoplifters“ hätte sie ebenfalls noch verändert.) Das Ganze summiert sich also zu einer höchst erfreulichen Erfolgsgeschichte für Cuarón und den Käufer seines Films. Ob dieser das cinéphile Grundproblem relativieren, wenn nicht gar ausräumen wird, das Netflix für die Kinobranche darstellt, bleibt abzuwarten.

Allerdings hat man aus dem Mund von Ted Sarandos und Reed Hastings, den Chefs des Unternehmens, seit geraumer Zeit auch nicht mehr jene kinofeindlichen Äußerungen gehört, mit denen sie die Branche in Angst und Schrecken versetzten. Sie klangen nicht nur philisterhaft, sondern erschienen nachgerade pathologisch bis an die Grenze zur Mordlust. Mit Scott Stuber jedoch hat das Unternehmen 2017 einen Leiter seiner Filmabteilung ernannt, der sich als Manager bei Universal und als Produzent einen guten Namen in Hollywood gemacht hat und über exzellente Beziehungen zu Filmemachern wie Guellermo del Toro und Steven Soderbergh verfügt. Nach der Lektüre eines Porträts in der „New Yorkt Times“ darf man sich der Wahrscheinlichkeit anvertrauen, dass er ein veritables Filmstudio schaffen will. In Albuquerque, Arizona, wird das Unternehmen wohl mehrere Milliarden in die Errichtung eines eigenen Studiokomplexes investieren. Daraus spricht eine sympathischere Haltung als die des Konkurrenten Amazon, dessen Chef Film- und Fernsehpreise nach eigenem Bekunden vornehmlich deshalb schätzt, weil er damit mehr Schuhe verkaufen kann. 

Mit dem Start von Martin Scorseses „The Irishman“ könnten die Karten ohnehin noch einmal ganz neu gemischt werden und könnte sich eventuell ja auch der Streit mit Cannes und den französischen Kinobesitzern erledigen. Einige von ihnen haben, obwohl es Anfang Dezember noch ganz anders aussah, dann auch „Roma“ ins Programm genommen. Wobei diese Formulierung nicht ganz zutreffend ist: Meines Wissens mietet Netflix die Kinosäle komplett (in den USA nach dem alten Modell des „four walling“) und beteiligt deren Betreiber nicht an den Einnahmen. „Roma“ zeigt, dass der Streamingdienst seine Vertriebsstrategie verändert hat und zumindest in diesem Fall einen Film auch nach seinem Start im Netz noch in Kinos zeigt; in Frankreich geschah dies zweifellos auch im Hinblick auf eine mögliche Nominierung für den César als bester ausländischer Film.

Während des Kinoabends, den wir in der Vorweihnachtszeit mit Cuaróns Film verbrachten, sichteten wir unter anderem einen ehemaligen Grünen-Minister und die Leiterin des Medienboards Berlin-Brandenburg, die sich bestimmt mächtig darüber freut, dass der Standort auch dank Netflix-Produktionen wie „Dogs of Berlin“ brummt. Die gefiel dem befreundeten Paar, jenen besagten glücklichen Abonnenten, nun gerade nicht besonders. Sie, Inhaberin einer Schauspieleragentur, fand, die Serie stecke voller Klischees über heimische Gangsterclans. Er, der als Cutter für einen Fernsehsender im Schneideraum eine Menge von dem hört, was in der Branche getuschelt, geredet und gesagt wird, wusste zu berichten, dass Netflix sogar die Farbe des Nagellacks vorgeschrieben habe, den Katharina Schüttler in der Serie trägt. Eine solch drakonische Detailliebe von Seiten des Streamungdienstes war mir bis dahin unbekannt. In Frankreich hatte ich bisher nur über Klagen von Produzenten und Regisseuren gelesen, Netflix würde massiv in die Entwicklung der Drehbücher und in die Besetzung eingreifen, um die Rentabilität ihrer Investition zu sichern. Das Engagement in Europa geht mit zahlreichen Missverständnissen einher - aber davon morgen mehr.

 

 

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